Beschützerin des Volkes

Über eine Heilige des Ersten Testaments

Als ihr Land, das Land Israel, durch die Assyrer angegriffen wird und alle den Mut zur Gegenwehr verlieren, rettet sie ihr Volk: Judith. Sie, als fromme, gottesfürchtige Frau, schleust sich in das feindliche Lager ein und tötet bei Nacht den Feldherrn Holofernes. Am 17. August wird "die Heldin ihres Volkes" gefeiert.

Foto: Günther Gumhold / pixelio

 

von Friederike Waldeyer

Judith war eine starke Frau. Ihre Geschichte füllt ein eigenes Buch im Alten Testament, das Buch Judith.

Diese biblische Erzählung ist kein historisches Ereignis, es ist ein Gleichnis, man darf das Geschriebene also nicht wörtlich nehmen, sondern muss zwischen den Zeilen lesen. Es ist ein Ausdruck für die extreme Daseinsbedrohung des Volkes Israel. Judith stellt die Treue zu Gott in ihrer Person dar, die besonders in einer Notsituation ihren Glauben nicht verloren hat. Anzunehmen ist wohl, dass die Verfasser dieses Gleichnisses die Frauen nicht zum Mitkämpfen oder Ähnlichem animieren wollten, aber wie kann man diese Erzählung heute interpretieren, zumal die Lösung, der Tyrannenmord bzw. die Tötung eines Menschen, extrem heikel ist. Daher gilt es, die gesamte Situation zu betrachten: Es geht um eine akute Bedrohung eines ganzen Volkes und die Erschöpfung der Mächtigen nach verlorener Schlacht, die Judith dazu bringen, eine schwerwiegende Tat zu begehen. In einem langen Gebet bittet sie um Kraft dafür.

Interessant ist nun, dass hier eine Frau zu einer Tat schreitet, zu der keiner der Männer ihres Volkes den Mut gehabt hat. Das Buch Judith spielt in einer patriarchalen Gesellschaft, was nicht heißt, dass eine Frau nicht wertgeschätzt wurde. Aber das, was Judith tut, wäre eindeutig Männersache gewesen. Diesen Stereotyp, die Frau als Hüterin des Haushaltes, hat sie überwunden.

Judith hat sich für etwas stark gemacht, was nicht nur der eigenen Familie nützt, sondern dem Wohl aller Israeliten zugute kam. So eindeutig richtig diese Haltung klingt, so kann sie im konkreten Fall zu einem Gewissenskonflikt führen: Wie weit reicht die eigene Verantwortung? Kann man dem ungerecht Behandelten helfen oder riskiert man damit sich selbst zu verlieren? In dieser Spur könnte man dem Gleichnis des Buches Judith nahekommen. Dessen Aussage lautet: Nichtstun hätte in jedem Fall deutlich negativere Konsequenzen.

Judiths Glaube, diese Grundidee ihres Lebens, führte in einer konkreten Situation dazu, dass Judith über sich hi­nausgewachsen ist. Im Moment der Bedrohung wusste sie, was zu tun ist und sie hatte den Mut, das zu tun. Sie hat sich auf ihren Gott verlassen und er sich auf sie. „Der Herr, der Allmächtige, gab sie preis, er gab sie der Vernichtung preis, durch die Hand einer Frau“, so heißt es am Ende des Buches in einem Jubellied. Solange Judith lebte und sogar noch lange nach ihrem Tod, wagte niemand, so heißt es, „die Israeliten zu beunruhigen“.

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