Bleib mir vom Leib!

Gedanken zu Mk 1,40-45

Foto: lichtkunst.73/pixelio

 

Jesus zeigt, wie „Aussätzige“ durch Berührung geheilt werden.

von Bernd Haase

Wenn wir heute das Wort „Aussatz“ oder „Lepra“ hören, dann ist das für die meisten fast ein Fremdwort. Es gibt sie zwar noch, diese Krankheit, aber weit weg von uns. Was Aussatz ist und – viel wichtiger – welche Konsequenzen diese Krankheit für Menschen hatte, erläutert uns die alttestamentliche Lesung. Sie stammt aus einem Gesetzbuch des Volkes Israel und beschreibt den Umgang mit einem an Aussatz Erkrankten: Er war unrein und wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen; und er musste das laut und für alle zum Ausdruck bringen: „Ich bin unrein! Ich bin eine Gefahr für euch! Haltet Abstand! Kommt nicht in meine Nähe und berührt mich auf keinen Fall!“

Zur Zeit Jesu fast ein Todesurteil: ausgeschlossen von der Familie, den Freunden; ausgesetzt einem menschenunwürdigen Leben außerhalb der Städte und Dörfer, bei lebendigem Leibe tot! Zu den Schmerzen, wenn der Körper langsam verfault, kam noch die Einsamkeit, die Verlassenheit, wahrscheinlich auch das Ringen mit Gott in der Frage nach dem Warum.

In dieser im Grunde aussichtslosen und unumkehrbaren Situation begegnet der Aussätzige Jesus und sagt etwas, was vermutlich zugleich aus tiefster Verzweiflung und tiefstem Glauben kommt: „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde!“ Du kannst mein Todesurteil aufheben, mich ins Leben und in die Gemeinschaft zurückholen; du allein kannst mich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch heil machen!

Und es geschieht das Unfassbare: Jesus streckt seine Hand aus und berührt den doch eigentlich Unberührbaren. Jesus hat auch in dieser Situation keine Berührungsängste: „Ich will es – werde rein!“

Jesus hält sich diesen Menschen nicht vom Leibe. Er überwindet die Distanz zwischen Leben und Tod und macht das Wunder der Heilung möglich!

Die Krankheit „Aussatz“ mag zwar in unseren Breiten überwunden sein. Aussätzige gibt es auch heute immer noch genug. Auch heute werden Menschen ausgeschlossen, manchmal ganz subtil mit Worten oder bestimmten Verhaltensweisen: Wir schreiben andere ab; wir sagen: Der ist für mich gestorben! – Die soll mir bloß vom Halse bleiben! – Dich will ich nie mehr sehen! – Bleib mir vom Leib!

Aussätzige heute, das sind vielleicht alte Menschen, wirtschaftlich unbrauchbar, weil nicht mehr leistungsfähig; nicht selten abgeschoben in Pflegeheime, die eine Familie nicht ersetzen können. Oder es sind Menschen, die für die meisten nicht als „normal“ gelten: Obdachlose, Arme, Flüchtlinge, Abhängige, psychisch Kranke; Menschen, die irgendwie aus dem Rahmen fallen, den die Gesellschaft als Norm festlegt. Da hält man am besten Abstand, wahrt eine gewisse Distanz – äußerlich und innerlich!

„Wenn du willst!“, so sagt es der Aussätzige; und das Evangelium spricht in unsere Zeit, ja es spricht uns an! Es ist letztlich eine Aufforderung und die klare Aussage: Es steht auch in deiner Macht, du hast die Möglichkeit, Menschen wieder „rein“ zu holen und „rein“ zu machen, indem du Berührungsängste überwindest und sagst: „Ich will!“

Dazu braucht es am Welttag der Kranken kein Medizinstudium und ich muss auch nicht die ganze Welt verändern.

Es geht zuerst um mich: ICH muss wollen, ICH kann heilsam sein – durch mein „Da-Sein“, mein „Nicht-Ausweichen“, durch mein „Nicht-Aus-dem-Weg-Gehen“; durch mein Zuhören, mein Bemühen, meine Offenheit; durch meine Bereitschaft, Grenzen zu überwinden.

Aussatz gibt es auch heute mehr als genug. Leider gibt es manch­mal zu wenig guten Willen, um ihn zu überwinden.

Wir sind in der Nachfolge Jesu mehr als gefragt!

Zum Autor:

Pfarrer Bernd Haase ist Dechant des Dekanates Büren-Delbrück und Leiter des Pastoralverbundes Delbrück-Hövelhof.

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