Brennpunkt Evangelium

Gedanken zu 10,25-37

Im Brennpunkt bündelt sich das einfallende Licht, dort wird es heiß. Foto: Konnenhill

 

Not sehen und das Notwendige tun, darauf kommt’s an!

von Werner Schaube

Diese biblische Geschichte ist einfach und klar – da gibt es nichts zu deuteln. Wir hören den Text und denken: „Selbstverständlich!“ Alles stimmt irgendwie. Und was da erzählt und wie da gehandelt wird, bedarf keiner näheren Erläuterungen. Hinzu kommt die Autorität Jesu, dessen Botschaft ein bestimmtes Verhalten hervorrufen will. Um jedes „Wenn und aber“ und jede Widerrede auszubremsen, geht Jesus zunächst auch nicht auf die an ihn gerichtete Frage „Wer ist mein Nächster?“ ein. Seine Antwort ist eben diese kleine Geschichte vom Priester, vom Leviten und vom (barmherzigen) Samariter.

Zwei Verhaltensmuster sind zu beobachten: Priester und Levit sehen, was passiert ist und gehen vorbei; der Samariter sieht, was ist, hat Mitleid, wendet sich dem Opfer zu, steht ihm bei und tut das, was nötig ist. Die umfassende Fürsorge geht sogar über die augenblickliche Situation hi­naus.

Was für ein Beispiel: selbstverständlich geleistete Hilfe von einem, dem man das nicht zugetraut hätte. Das ist der spürbare Haken dieser Erzählung, die vordergründig so sachlich daherkommt und doch geradezu märchenhaft wirkt. Es ist der Samariter; es könnte auch jedermann sein, aber es ist nicht der Levit (der Tempeldiener) und es ist nicht der Priester. Letztere werden weder beschuldigt noch angeklagt. Nur ihr Verhalten kommt zur Sprache, ins Blickfeld und Wahrnehmungsbild der Zuhörer. Und das spricht für sich. Die nachgeschobene Frage Jesu: „Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“ erübrigt sich eigentlich, verstärkt aber die Zielrichtung des Textes: „Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“

Nun könnten wir das heilsgeschichtliche Angebot dieses Bibeltextes als allgemein gültige Lebensweisheit auf sich beruhen lassen, wenn da nicht der letzte Satz dieser Perikope so alternativlos fordernd wäre. Es gibt kein Schlupfloch, es sei denn eine Art Gewissenlosigkeit angesichts derer, die von Räubern überfallen wurden und werden. Jede Nachrichtensendung bringt uns an die Straßenränder des Weltgeschehens, zeigt uns die Überfall-­Opfer, die unserer Hilfe bedürfen. Sehen wir da­rüber hinweg? Meistens. Gehen wir vorbei? Fast immer. Das ist der Brennpunkt dieser Geschichte!

Übrigens: Nicht nur die globalen Katastrophen rufen nach dem barmherzigen Samariter. Uns könnte ebenso das Elend drei Häuser weiter in derselben Straße berühren oder kalt lassen. Vielleicht ist tatkräftige und spürbare Barmherzigkeit auch und gerade dort gefordert, wo man es am wenigsten vermutet: in der Gemeinde, im Freundeskreis, in der Familie.

Wenn Christen sich versammeln, geht es eigentlich immer um den notwendigen Anstoß zur Barmherzigkeit – im Hören auf das Wort und im Teilen des Brotes zur Erinnerung und Verlebendigung des Glaubens.

Zum Autor:

Werner Schaube lebt als ­Oberstudiendirektor i. R. in ­Hagen.

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