Dann wären diese Menschen ertrunken

Marcus Berger berichtet über seine Arbeit als Seenotretter

Rheine. Marcus Berger aus Rheine ist regelmäßig mit der Organisation „Sea-Watch“ im Mittelmeer unterwegs, um dort Menschenleben zu retten. Aber die private Seenotrettung ist umstritten. Wie er die Debatte um seine Arbeit erlebt.

Marcus Berger im Gespräch mit Flüchtlingen auf der „Sea-Watch“. Foto: „Sea-Watch“/Tim Lüdemann

 

von Sandra Röseler

„Manchmal gibt es Situationen, in denen wir wissen: Wenn wir eine halbe Stunde später gekommen wären, wären diese Menschen ertrunken.“ Marcus Berger klingt sehr gefasst, wenn er von seiner Arbeit als Seenotretter erzählt. Seit vier Jahren fährt der 44-Jährige regelmäßig mit der deutschen Organisation „Sea-Watch“ aufs Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten, die in Seenot geraten sind.

Inzwischen weiß er, was auf ihn zukommt, wenn er zu einer vierwöchigen Rettungsmission aufbricht. Er kennt die Situationen, in denen die „Sea-Watch“ auf Flüchtlinge stößt, die zusammengepfercht in einem Schlauchboot sitzen, aus dem schon die Luft entweicht – und er und seine Kollegen sie erst in letzter Sekunde aus dem Meer ziehen können. „Einmal waren wir gerade dabei, Menschen an Bord zu holen, als meine Kollegen zufällig noch ein anderes Boot entdeckt haben, das schon fast untergegangen war. Hätten sie in dem Moment woanders hingeschaut, wären die Leute alle gestorben“, erzählt er.

„Die Menschen haben grauenvolle Dinge erlebt“Auf die Idee, sich als Seenot­retter zu engagieren, kam Berger, als er ein Foto in den Nachrichten sah: Es zeigte einen Flüchtling, der mit einem Säugling im Arm in einem Schlauchboot saß. „Ich habe mich damals gefragt, wie man nur auf die Idee kommen kann, mit einem Säugling über das Mittelmeer zu fahren“, sagt Berger, der selbst Vater ist und mit seiner Familie in Rheine lebt. Dann sei ihm klargeworden, wie verzweifelt der Mann gewesen sein muss. Er beschloss, Menschen wie ihn zu retten.

Von Beruf ist Berger kein Seemann, sondern IT-Spezialist. Er arbeitet ehrenamtlich bei „Sea-Watch“ und ist auf dem gleichnamigen Schiff für die Computer verantwortlich. Im März dieses Jahres wollte er eigentlich wieder losfahren, um Flüchtlinge zu retten – seine Mission wurde allerdings abgesagt, weil die „Sea-Watch“ am Auslaufen gehindert wurde.

„Unser Schiff wird immer wieder an den Haken gelegt“, sagt er. Zum Beispiel von der italienischen Regierung, die die „Sea-Watch“ vor Kurzem erneut beschlagnahmt hat. Bislang hätten die Gerichte in diesen Fällen immer entschieden, dass das Schiff wieder auslaufen darf. „Aber am liebsten würde uns Italien gar nicht mehr an Land lassen“, sagt Berger.

Die Konsequenz: Die Besatzung muss oft tage- oder wochenlang mit den Flüchtlingen auf dem Meer ausharren, weil sie in Italien nicht anlegen darf. Marcus Berger hat oft erlebt, wie in diesen Momenten die Stimmung an Bord kippt. „Die Menschen haben da, wo sie herkommen, grauenvolle Dinge erlebt, sie sind versklavt, vergewaltigt und gefoltert worden – und wir sind die ersten Menschen, zu denen sie wieder Vertrauen aufbauen“, sagt er. „Und dann müssen wir ihnen sagen ‚Europa lässt uns nicht rein‘. Wie sollen wir denen das klarmachen?“

Zu einigen Flüchtlingen baut Berger an Bord einen sehr engen Kontakt auf. Besonders geprägt hat ihn die Begegnung mit einer 20-jährigen Frau, die ihren zwölf Tage alten Säugling dabei hatte. Wieder stellte er sich die Frage: Warum fährt jemand mit einem Säugling über das Mittelmeer? „Die Mutter hat mir dann erzählt, dass sie vergewaltigt wurde und das Kind sonst getötet worden wäre, weil es ein Bastard ist. Da hat es mich weggehauen.“

Erlebnisse wie dieses hält Marcus Berger auch den Gegnern der privaten Seenotrettung entgegen, die ihnen vorwerfen, die Flüchtlinge illegal nach Italien zu schleppen, anstatt sie an die nähergelegene libysche Küste zurückzubringen. „Dorthin kann man keine Menschen bringen, das ist ein Bürgerkriegsland und die Flüchtlingslager werden bombardiert – die Menschen haben dort einfach keine Chance mehr“, sagt Berger.

Seine Kollegen und er sind daran gewöhnt, dass ihre Arbeit auf Kritik stößt. „Vor allem das rechte Lager beschimpft uns als Schlepper und Kriminelle.“ Auch Morddrohungen gegen „Sea-Watch“-­Mitglieder habe es schon gegeben. Vonseiten rechter Politiker wird ihnen vorgeworfen, sie würden illegale Einwanderung unterstützen. Wenn Marcus Berger nicht im Mittelmeer im Einsatz ist, setzt er sich deshalb dafür ein, dass die Arbeit privater See­not­retter nicht kriminalisiert wird. Er betreut Infostände, hält Vorträge und besucht Veranstaltungen, um Unterstützer zu gewinnen. Zum Beispiel beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund: Dort hat er mit dem Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, über die Lage im Mittelmeer diskutiert. Berger, der selbst katholisch ist, findet es gut, dass sich die Kirchen in Deutschland für die Seenotrettung einsetzen. „Wir brauchen die moralische und politische Unterstützung der Kirchen“, sagt er.

„Die Flagge des Vatikans wäre für uns eine Hilfe“Ein großes Problem sei, dass es immer weniger Rettungsschiffe gibt, weil immer mehr Länder die private Seenotrettung verbieten und den Organisationen die Flagge entziehen, findet Berger. „Es wäre zum Beispiel eine Riesenhilfe für uns, wenn wir unter der Flagge des Vatikans fahren dürften.“

Außerdem sei es wichtig, dass sich die Kirchen darum kümmerten, dass die Nächstenliebe, die am Sonntag gepredigt wird, nicht bei der Rettung der Flüchtlinge aufhört. „Die Menschen müssen bei uns aufgenommen und gut integriert werden“, fordert Berger. Er findet es gut, dass sich Städte wie Osnabrück und Bremen der Initiative „Seebrücke“ angeschlossen haben, die sich gegen Abschottungspolitik und die Kriminalisierung von Seenotrettung richtet. Die Städte haben sich auch dazu bereit erklärt, Menschen von privaten Rettungsschiffen aufzunehmen.

Die Kritik, dass die privaten Rettungsschiffe ein Ansporn für Flüchtlinge seien, um nach Europa zu kommen, weist Berger hingegen entschieden zurück: Solange die Fluchtursachen nicht bekämpft würden, könne man nicht verhindern, dass die Menschen fliehen – egal wie schwer man ihnen die Flucht mache. Dabei sieht Berger auch seine eigene Rolle realistisch: „Ich kann die Lage in Afrika nicht verändern, aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass die Menschen bei ihrem Recht, Asyl zu fordern, nicht ertrinken müssen.“

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel