Das Leben schützen und Suizide verhindern

Die 25. „Woche für das Leben“ setzt sich vom 4. bis zum 11. Mai mit dem Thema Suizid auseinander

Kleines Foto: Helfende Nähe, Wertschätzung und Hoffnung sind wichtig, um Suizide zu verhindern: Initiatoren und Referenten des Infotages für die „Woche für das Leben 2019“ (v. l.): Michael Hillenkamp, Dr. Gereon Heuft, Prof. Dr. Barbara Schneider, Stefan Schumacher und Dr. Werner Sosna. Foto: Karl-Martin Flüter

 

Paderborn. Die bundesweite „Woche für das Leben“ steht in diesem Jahr im Zeichen der Suizidprävention. Um auf die Aktion im Erzbistum Paderborn vorzubereiten, hatten das Bildungshaus Liborianum und die Telefonseelsorge im Erzbistum Paderborn ins Paderborner Priesterseminar eingeladen. Fast 100 Fachleute aus der gesamten Diözese erlebten einen informativen Tag mit prominenten Referenten. Die „Woche für das Leben“ findet vom 4. bis zum 11. Mai statt.

von Karl-Martin Flüter

Im 25. Jahr hat die ökumenische Initiative ein Thema gewählt, das bedrückend aktuell ist. Mehr als 10 000 Menschen fallen in Deutschland jedes Jahr einem Suizid zum Opfer. Die Suizidraten steigen mit zunehmendem Lebensalter stark an. Vier von fünf Suizidopfern sind Männer.

„Jeden Tag sterben 30 Menschen, die aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder wegen einer Krankheit keine lebensbejahende Perspektive für sich entwickeln können“, sagte Dr. Werner Sosna vom Bildungshaus Liborianum zum Auftakt des Infotages. Sosna bereitet zusammen mit Michael Hillenkamp, dem Diözesanbeauftragten für Telefonseelsorge, die „Woche für das Leben“ im Erzbistum Paderborn vor.

Deutlich wurde an dem Informationstag vor allem eines: Der Suizidprävention kommt eine herausragende Bedeutung zu. „Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern“ lautet das Motto der „Woche für das Leben“.

Ein Suizid oder Suizidversuch sei immer auch ein Kommunikationsversuch, sagte der Ehe-Familie-Lebensberater Stefan Schumacher in Paderborn. Schumacher ist Leiter einer Telefonseelsorge in Hagen. Auch dort hat er erlebt, wie sehr ein Suizid ein „Notsignal“ für gescheiterte Beziehungen zu anderen Menschen ist. Er empfiehlt einen achtsamen Umgang miteinander, um Krisen nicht eskalieren zu lassen: reden, den Anderen ernst nehmen, im Gespräch authentisch bleiben.

In „unerträglichen Krisensituationen“ suchten suizidale Menschen nach „Ruhe, Schmerzfreiheit und Harmonie“, sagte Professorin Dr. Barbara Schneider, Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsrates: „Der Suizidale wünscht eine Änderung des Lebens, ohne zu wissen wie.“ Auch Schneider betonte den Wert der zwischenmenschlichen Beziehung. Gute Erfahrungen mit wichtigen Personen des Lebens und entsprechend sicheres Selbstwertgefühl ermöglichen, so Schneider, das Ertragen von Verlusten und äußerer Abhängigkeit.

Religiöse Einstellungen können für schwer kranke Menschen eine Quelle sein, aus der sie Kraft und Vertrauen ziehen. Not lehrt jedoch weniger beten als „suchen“, hat Professor Dr. Gereon Heuft in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt. Er fordert deshalb, jeden Menschen in seiner Individualität wahrzunehmen.

Der Münsteraner Professor erkennt in der modernen Vereinzelung eine Hauptursache für massiv beeinträchtigte Lebensqualität: „Immer mehr Menschen erleben sich hinsichtlich ihres Selbstwertes ganz alleine auf sich zurückgeworfen.“ Der allgegenwärtige Druck zur Selbstoptimierung könne rasch zu einem Gefühl der Unzulänglichkeit führen.

Wie es geht, Menschen aus ihrer Isolation zu holen, macht das Paderborner Caritas-­Projekt [U25] vor. Unter diesem Namen beraten Jugendliche und junge Erwachsene gleichaltrige Menschen bis zu einem Alter von 25 Jahren in akuten und oft suizidalen Krisen.

Die Beratung geschieht über E-Mails – und das sehr erfolgreich. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich. [U25] gibt es außer in Paderborn an neun Stand­orten in Deutschland, in NRW auch in Dortmund und Gelsenkirchen. In der „Woche für das Leben“ wird [U25] eines der Vorzeigeprojekte im Erzbistum sein. Geplant ist unter anderem eine gemeinsame Veranstaltung in der Schule St. Michael in Paderborn.

Neue Wege in der Vorbeugung sind willkommen, wenn es um eine der großen gesellschaftlichen und seelsorgerischen Herausforderungen unserer Zeit geht. Wenn die „Woche für das Leben“ in der Öffentlichkeit vermitteln kann, wie wichtig gute hel­fende Nähe, Wertschätzung und Hoffnung ist, um Suizide zu verhindern, wäre schon viel erreicht. „Der Schmerz soll enden“, sagte Werner Sosna in Paderborn, „nicht das Leben.“

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