Das Reich Gottes findet HEUTE statt.

Gedanken zu Lk 1,1-4;4,14-21

HEUTE! Foto: tobid/photocase

 

Das Reich Gottes, von Christus grundgelegt, ereignet sich im Hier und Heute unserer Welt und Zeit.

von Ullrich Auffenberg

Im Schulunterricht habe ich Kindern einmal die Aufgabe gestellt, das Gewissen zu malen, wie sie es sich vorstellten. Eindrucksvoll war, dass ein Kind ein Herz mit einer Antenne malte.

Beim abendlichen Tagesrückblick, der Gewissenserforschung, tut es gut, sich die Frage zu stellen: „Waren meine Antennen heute ausgefahren für Gott? Habe ich HEUTE im Reich gelebt?“ Denn das Reich Gottes ereignet sich an jedem Tag meines Lebens. Im Evangelium dieses Sonntags sagt Jesus, dass Blinde sehen werden, Zerschlagene in Freiheit kommen und ein Gnadenjahr ausgerufen werde, … Dieses Schriftwort erfülle sich HEUTE.

Heute ist der Messias mitten unter euch und will euch befreien aus euren inneren Gefängnissen, Ängsten, Selbstvorwürfen und Sünden, will euch frohe Botschaft bringen und Mut machen.

Es hat lange gedauert, bis mir dämmerte, dass mit diesem HEUTE nicht nur irgendein historischer, längst vergangener Tag in der Synagoge von Nazaret gemeint sein könnte, sondern meine ganz persönliche jetzige Lebenszeit, getreu einer Aussage von Dietrich Bonhoeffer: „Lies die Bibel so, als sei jeder Satz für dich persönlich (hier und heute) geschrieben.“

Der Begriff HEUTE ist das Lieblingswort des Evangelisten Lukas. Es kommt in seinem Evangelium statistisch am häufigsten vor. Dieses HEUTE verändert existenziell gesehen für uns Menschen alles. Von Gott reden kann man nicht als von einer fernen Möglichkeit. Gott ist Gegenwart oder – er ist gar nicht.

Der Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp hat am 17. November 1944 im Angesicht von Folter und seiner drohenden Hinrichtung aus dem Nazigefängnis folgende Zeilen herausgeschmuggelt: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren … quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind … Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern … und will unsere anbetende Antwort.“

In einem Glaubensseminar haben wir über dieses Zitat versucht, die Antennen unserer Herzen auszufahren für den heute uns berührenden Gott. Die genannten Erkenntnisse fasste ich in folgende Zeilen:

Wenn Schnee die Erde weiß bedeckt / und darunter Rosen wachsen, / Kälte durch die Herzen weht / und sich doch in Wärme wandelt, / der Winter bald dem Frühling weicht,

dann kann ich glauben:

HEUTE bist du da, Gott.

Wenn die Vögel zwitschern / und sich Nester bauen, / der Regen sanft vom Himmel fällt, / die Sonne funkelnd scheint, / dann kann ich glauben: /

HEUTE bist du da, Gott.

Wenn die Melodie des Lebens tönt, /leise, hell und klar, / und ich spüren darf, / ganz und gar bei mir zu sein, / dann kann ich glauben:

HEUTE bist du da, Gott.

Wenn ich neues Leben schaue / unbefangen, fröhlich, frei, /

wenn ich Menschen sterben sehe, / mit sich und ihrem Leben eins, / dann kann ich glauben:

HEUTE bist du da, Gott.

Wenn ich merke, es gibt / den Bruder, der mich mag, / die Schwester, die mir verzeiht, / den Freund, der zu mir hält, / die Freundin, die mir / die Wahrheit sagt, / dann kann ich glauben:

HEUTE bist du da, Gott.

Wenn ich verzweifelt bin / und keiner Liebe folgen kann, / denke, es sei so sinnlos / dieses Leben, zum Wegwerfen / und doch das Wörtchen „Trotzdem“ / höre und ein Fünkchen Hoffnung / unter toter Asche spüre, / dann kann ich glauben:

HEUTE bist du da, Gott.

Und wenn am Horizont des Lebens / der Widerruf der Zeit erscheint / und ich mit meinem Ende rechnen muss, / dann möcht ich tapfer durch den Tunnel / gehen zu jenem anderen Ufer, / an dem Du sprichst: Ich bin da.

HEUTE bin für dich da.

Zum Autor: Msgr. Ullrich Auffenberg ist Referent für religiös-pastorale Bildung im Diözesan-Caritas­ver­band und Subsidiar im Pastoralen Raum Büren.

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