Das Reich Gottes: Geschenk und Verpflichtung

Gedanken zu Mt 21,33-44

Der Saal des UN-Sicherheitsrates. In ihm tagen nicht die Besitzer der Erde, sondern die, denen sie vorübergehend anvertraut ist. Foto: Olga Meier-Sander / pixelio

 

Arbeiter im Weinberg des Reiches Gottes sind wir, nicht seine Besitzer.

von Ulrich Liehr

Wer im zumeist kühlen Westfalen lebt, der kennt Weinberge nur aus den Ferien in südlichen und wärmeren Gefilden. Doch wenn man die Schilderung Jesu im heutigen Evangelium hört, braucht man kaum seine Urlaubserfahrungen zu bemühen. So detailreich ist die Beschreibung, dass ganz von allein ein Bild vor dem inneren Auge entsteht: von ordentlich gepflegten Weinreben; von dem Zaun, der Tiere daran hindern soll, die Pflanzen zu zerstören; vom Turm zur Bewachung des Gartens; von der Kelter, in der der Traubensaft zur Weiterverarbeitung erzeugt wird. Wirklich ein Idyll!

Was aus einem solchen Idyll bei mangelnder Pflege und Sorgfalt werden kann, erfahren wir direkt im Anschluss: In bestem Glauben vertraut der Besitzer sein herrliches Stück Land den Pächtern an. An sie hat er natürlich einen Anspruch: dass sie ihre Arbeitskraft und Mühe investieren, damit eine Ernte eingebracht werden kann. Und von dieser Ernte erwartet der Gutsbesitzer seinen Teil als Bezahlung.

Als es jedoch zum Zahltag kommt, erlebt der Besitzer ein regelrechtes blaues Wunder: Anstatt ihrer Verpflichtung nachzukommen, werden die Pächter gegenüber den Vertrauten des Gutsherrn gewalttätig. Dreimal hintereinander passiert das, so betont Jesus ausdrücklich. Und beim dritten Mal schrecken sie selbst vor dem Mord am Erben nicht zurück, um auf diese Weise den Besitz ganz für sich beanspruchen zu können.

Der Grund für die Rohheit der Pächter wird von Jesus nicht ausdrücklich erwähnt. Aber aus dem Zusammenhang und aus der Antwort der Zuhörer können wir die Begründung erahnen: Es ist einerseits Gier nach dem Besitz, andererseits aber wohl schlicht Faulheit. Denn die Winzer konnten dem Besitzer nicht die vereinbarten Naturalien als Pacht abliefern, weil sie überhaupt keine Früchte erwirtschaftet hatten.

Gerne wird in der Bibel die Darstellung des Weinberges als Bild für das Reich Gottes verwendet. Es erscheint lebensnah. So treten auch im heutigen Evangelium ganz deutlich die Vergleichspunkte hervor: Das Reich Gottes ist wie ein Weinberg in Pacht: den Menschen von seinem eigentlichen Besitzer nur anvertraut – jedoch nicht, um es brachliegen zu lassen, sondern um damit Früchte zu erwirtschaften.

An dieser Stelle wird die ungebrochene Aktualität des Anliegens Jesu deutlich. Er richtet seine Worte nicht nur an die Zuhörer von damals. Auch wir, die wir uns seit der Taufe in die Nachfolge des Herrn begeben haben, müssen uns angesprochen fühlen. Die Frohe Botschaft soll sich nicht im Hören erschöpfen. Sie muss Früchte tragen in unserem Leben. Liebe zu Gott und zum Nächsten sind die schönsten Erträge, die wir liefern können. Und sie machen im besten Fall auch unseren Mitmenschen die Botschaft vom Reich Gottes schmackhaft.

Was aber passiert, wenn wir diese Früchte nicht bringen sollten? Zumindest wird uns kein böses Ende voller Gewalt bereitet – so wie es sich die Zuhörer Jesu damals erwartet und erhofft haben. Schlicht weggenommen wird das Reich Gottes denen, die keine Frucht bringen. Und dann steht man mit leeren Händen da – ein recht peinliches Gefühl. Das wissen diejenigen, die wirklich schon einmal die Erfahrung gemacht haben, in einer Situation mit buchstäblich leeren Händen dazustehen. Man wird mitleidig belächelt. Denn mit ein wenig Einsatz hätte man es ja anders haben können …

Sich wieder neu darauf zu besinnen, welches große Geschenk uns mit dem Reich Gottes gemacht ist: Das ist das Anliegen des heutigen Evangeliums. Und: den Anspruch nicht aus dem Blick zu verlieren, der sich mit diesem Geschenk verbindet. Auf die Früchte kommt es an.

Zum Autor:Domvikar Ulrich Liehr ist ­Erzbischöflicher Kaplan und Geheim­sekretär.

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