"Die Menschen müssen im Mittelpunkt stehen"

Erzbischof schreibt anlässlich der Missbrauchs-Studie

Erzbischof Hans-Josef Becker / Foto: pdp

 

In einem Brief „An alle Schwestern und Brüder im Erzbistum Paderborn“ nimmt Erzbischof Hans-Josef Becker zur MHG-Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen“ Stellung. Der DOM dokumentiert das Schreiben im Wortlaut.

Liebe Schwestern und Brüder,

Es ging uns Bischöfen bei der Beauftragung der Studie im Jahr 2014 darum, „Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche zu erhalten – um der Opfer willen, aber auch, um selbst die Verfehlungen zu sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen“ (Bischof Stephan Ackermann).

Die Ergebnisse der Studie sind sowohl für die katholische Kirche in Deutschland wie für das Erzbistum Paderborn erschütternd. Natürlich weiß ich und habe es seit vielen Jahren auch oft genug schmerzhaft erlebt, dass sich die Kirche aus Menschen bildet und dass es deshalb auch Schuld und Sünde in ihr gibt. Aber dieses „Wissen“ reicht nicht, um mit den Ergebnissen der Studie umzugehen. Es macht mich fassungslos, in welchem Maß sich Männer der Kirche durch den Missbrauch Minderjähriger versündigt haben. Missbrauch ist ein abscheuliches Verbrechen, das aufs Tiefste zu verurteilen ist. Das gilt erst recht, wenn es durch Priester und Diakone, die dadurch ihre Sendung pervertieren, geschieht.

Ich empfinde eine tiefe Scham darüber, dass in der Kirche von Paderborn diese Verbrechen stattgefunden haben. Das, was geschehen ist, bleibt ein abscheulicher und dunkler Teil unserer jüngeren ortskirchlichen Geschichte, und mir ist bewusst, dass unsere Kirche, dass wir Bischöfe dadurch sehr viel Vertrauen verspielt haben.

Es liegen nun Zahlen vor, die möglicherweise unterschiedlich gedeutet werden. Bei der Aufarbeitung der Studie müssen vor den Zahlen die konkreten Menschen im Mittelpunkt stehen, um die es bei diesen Zahlen geht. Das sind Betroffene und Beschuldigte, Schuldige und Opfer, viele Gesichter und Lebensgeschichten mit oft lebenslang prägendem Leid und oftmals jahrzehntelangem Schweigen und Verschweigen. Ich kann die Opfer im Namen der Kirche von Paderborn nur um Verzeihung und Vergebung bitten. Dabei empfinde ich großes Bedauern, weil ihnen viel zu lange nicht, kaum oder nur unzureichend zugehört und geglaubt wurde. Und ich weiß, dass das zugefügte Leid sich nicht wiedergutmachen oder entschädigen lässt.

Nun geht es darum, alles dafür zu tun, dass die Verbrechen der Vergangenheit sich in Zukunft möglichst nicht wiederholen. Deshalb ist der Einsatz gegen sexuellen Miss-brauch Minderjähriger eine bleibende Aufgabe. Eine Vertuschung von Straftaten und Verbrechen darf und wird es aus einer falschen Loyalität gegenüber der Institution Kir-che und ihres Ansehens nicht geben. Kirchliche Versäumnisse bei der Ahndung sexueller Vergehen sind schonungslos zu benennen. Als Erzbischof von Paderborn bleibt es meine Aufgabe, entsprechend den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, jedem Hinweis nachzugehen, im Verdachtsfall die entsprechenden Untersuchungen durchzuführen und mit den staatlichen Behörden und mit der Kon­gregation für die Glaubenslehre eng zusammenzuarbeiten.

Ausdrücklich unterstütze ich ein nachhaltiges und kontinuierliches Engagement in der Aufdeckung und in der Prävention sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in unserem Erzbistum. Ich bin mir bewusst, dass dies einen hohen Einsatz vieler Haupt- und Ehrenamtlicher in unseren Gemeinden und Einrichtungen nötig macht und bitte Sie alle um diesen Einsatz. Erwähnen möchte ich auch die Arbeit unserer unabhängigen Missbrauchsbeauftragten. Sie stehen Opfern zur Seite, beraten und unterstützen sie, auch bei der Suche nach Anerkennung ihres Leids durch die Kirche.

Liebe Schwestern und Brüder,

nach der Veröffentlichung der Studie will und kann die Kirche im Erzbistum Paderborn nicht zur Tagesordnung übergehen. Als Erzbischof sehe ich die Verantwortung, aus der Studie zu lernen. Die Empfehlungen der Forschergruppe müssen ernst genommen wer-den. Sie gehen dahin, tiefer nachzudenken über einige spezifisch kirchliche Themen, die möglicherweise den Missbrauch Minderjähriger begünstigt haben oder begünstigen können. Dazu gehören Fragen aus dem Bereich der kirchlichen Sexualmoral, der priesterlichen Lebensform und der Macht- und Entscheidungsstrukturen in unserer Kirche und sicher auch weitere Themen, die jetzt vielleicht noch gar nicht abzusehen sind.

Ich möchte heute auch ein Anliegen ansprechen, das in diesen schwierigen Tagen leicht vergessen werden kann: die ganz überwiegende Mehrheit unserer Priester und Diakone leistet ihren Dienst treu und entschieden über Jahrzehnte. Auch sie brauchen jetzt die Unterstützung von Ihnen allen, denn unter dem Eindruck der schrecklichen Ergebnisse der Studie gibt es jetzt auch manche pauschalen und ungerechten Aussagen über Geistliche, die dieser großen Mehrheit in keiner Weise gerecht werden. Diese Geistlichen sind von den Ergebnissen genauso erschüttert wie Sie alle.

Das ganze Feld, das durch die Studie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger im Raum der Kirche eröffnet wird, ist derzeit kaum zu überblicken. Das wichtigste Anliegen muss es sein, dass die schrecklichen Verbrechen der Vergangenheit sich in Zukunft nicht wiederholen. Mit Demut und Entschiedenheit möchte ich gemeinsam mit Ihnen den Weg in dieser schwierigen kirchlichen Stunde weitergehen. Ich bitte Sie um Ihr Gebet – für alle Opfer von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt, für die Erneuerung unserer Kirche und ebenso für alle, die gemeinsam mit Papst Franziskus diesen Weg verantworten.

Mit herzlichen Segenswünschen grüßt Sie

Ihr Erzbischof

gez. Hans-Josef Becker

vermutlich bewegt viele von Ihnen, was Sie im Zusammenhang mit der sog. „Missbrauchsstudie“ hören und lesen. Aus Fulda, wo uns Bischöfen bei unserer Vollversammlung diese Studie erstmals präsentiert wurde, wende ich mich heute an Sie, um mit Ihnen unter diesem Eindruck meine ersten Gedanken zu teilen.

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