Die Unfassbaren

Umwege einer Geschichte

Einer von sieben Beginenhöfen, die es auf dem Gebiet des Erzbistums gibt: das Hanne-Bette-­Beginenhaus in Delbrück mit insgesamt 12 Wohnungen. Foto: privat

 

Manchmal entwickeln sich Texte wie dieser hier ganz anders als gedacht. Da will man zum Beispiel einem Mann eine Chance geben, der im Heiligenkalender im Schatten einer prominenten Frau, also der prominenten Frau der Kirche steht, und dann landet man doch wieder bei Frauen.

von Claudia Auffenberg

Aber von vorn: Am 12. September ist natürlich Maria. In dem Jahreskalender, der einmal im Jahr dem DOM beiliegt, findet sich daneben noch ein Guido. Wer ist denn das? Der Heiligenkalender bietet gleich zwei: Der eine ist Guido von Anderlecht. Er war Pilger und Küster, später Kaufmann, er unternahm Reisen nach Rom und Jerusalem, in Anderlecht erlag er der Pest. Später wurden seine Gebeine vom Bischof erhoben, heute ruhen sie in der dortigen Wallfahrtskirche. An seinem Grab sollen sich Wunder ereignet haben. Das sind wenige Infos, aber im Vergleich zum zweiten Guido schon viel. Von dem heißt es nur: Priester, Seelsorger der Beginen in Nivelles. Beginen?

Ab nun müssen wir spekulieren: War er ein mutiger Mann, der sich um die gelegentlich sogenannten „falschen Nonnen“ kümmerte oder war er ein strenger Mann, dessen Aufgabe es war, diese Frauen, die irgendwie nicht zu fassen waren, halbwegs unter Kontrolle zu halten? Beides ist möglich, in jedem Fall ist davon auszugehen oder ihm zu wünschen, dass er es mit interessanten Menschen zu tun hatte. Und so sind wir, ohne es zu wollen, wieder bei Frauen der Kirche angekommen. Aber schlimm ist das natürlich nicht.

Beginen tauchen in der Geschichte im 12. Jahrhundert auf. Es waren christliche Gemeinschaften alleinstehender Frauen, die sich zwar der Spiritualität eines Ordens angeschlossen hatten, aber kein Gelübde abgelegt hatten und nicht in Klausur lebten. Das Leben als Begine war eine Alternative neben Ordensleben und Ehe, manchmal auch nach der Ehe. Oft waren einige Mitglieder der Gemeinschaften wohlhabend, grundsätzlich aber trugen alle Frauen zum Unterhalt bei. Zu ihren selbst gestellten Aufgaben zählten das Gebet und Werke der tätigen Nächstenliebe. Weil sie nicht unter der Aufsicht eines Ordens standen, oft aber eine Tracht trugen, Spenden entgegennahmen oder sogar betteln gingen, wuchs in der Amtskirche die Kritik an ihnen. Es gab mehrere Dekrete, Konzile befassten sich mit ihnen und versuchten, sie gewissermaßen „einzufangen“. Aber weil das Leben der Beginen eben doch recht individuell war, es auch Unterstützer gab, war es nicht so einfach, ihnen beizukommen. Im 15. Jahrhundert schließlich ordnete der Papst an, dass alle Mitglieder von Beginengemeinschaften Mitglieder der dritten Orden sind.

Heute gibt es wieder Beginenhöfe. Nach einer Auflistung des Dachverbandes gibt es im Gebiet des Erzbistums Paderborn sieben solcher Höfe. Sie verstehen sich nicht mehr unbedingt als christliche Gemeinschaften, heute geht es eher darum, als Frauen in einer Gemeinschaft zu leben. Aber es spricht ja nichts dagegen, wenn katholische Frauen diese alte Idee wiederbeleben.

Und was war nun mit Guido, dem Priester und Seelsorger? Keine Ahnung …

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