Die Unterschiede bleiben wichtig

Beim dritten BONIforum plädieren die Vertreter der Religionen für einen offenen Umgang miteinander

Paderborn. Wer meint, unterschiedliche Religionen könnten den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft infrage stellen, konnte sich auf dem dritten BONIforum eines Besseren belehren lassen. Gerade die Theologen vieler Religionen arbeiten seit Langem erfolgreich zusammen. Dabei haben sie gelernt, dass auch in der Religion und in der Wissenschaft die allgemeinen Regeln des menschlichen Miteinanders ausschlaggebend sind.

Die Teilnehmer des BONIforums (von links): Prof. Wolfgang Thönissen, Klaus von Stosch, Tanja Huckemann (Bonifatius-Buchhandlung), Claudia Auffenberg, Antje Lütkemeier, Alexander Kogan, Muna Tatari und Dean Ruddock. Ruddock, Poetry-Slammer, leitete mit seinen Texten in die Veranstaltung ein. Foto: Flüter

 

von Karl-Martin Flüter

Seit einigen Wochen besuchen mehrere Hundert Gäste Tag für Tag den GlaubensGarten in der Landesgartenschau (LGS) Bad Lippspringe. Der Pavillon mit den Gärten für sieben Religionen hat sich zu einer der Attraktionen der LGS entwickelt.

Für Pfarrerin Antje Lütkemeier – eine der Initiatorinnen des Projektes – ist es klar, warum der GlaubensGarten so erfolgreich ist. Von Anfang an habe man in der Projektgruppe, die den Entwurf entwickelte, auf persönliche Begegnung gesetzt. So sei es gelungen, Missverständnisse und Vorurteile auszuräumen. Die Nähe und der Dialog hätten auch dazu geführt, das jeder seinen eigenen Glauben intensiver erlebt habe, sagt die evangelische Pfarrerin aus Bad Lippspringe, „präziser und pointierter“ sei auch ihre eigene Glaubenserfahrung geworden.

Dialog und Identität, Nähe und intensive Erfahrung des Eigenen: Wie das zusammengeht, erfuhren die Teilnehmer des BONIforums, zu dem der Bonifatius-Verlag Paderborn bereits zum dritten Mal in die Bonifatius-Buchhandlung eingeladen hatte. Die Veranstaltung nutzte den erfolgreichen Start des GlaubensGartens in der Nachbarstadt Bad Lipp­springe, von dem Antje Lütkemeier detailliert berichtete, als Anlass. Moderiert von der DOM-Redakteurin Claudia Auffenberg ging es dieses Mal um „Glaubensvielfalt“ und die Frage „Katholisch war gestern?“

Die etwas bange Frage nach der Vergänglichkeit des Katholischen wurde an diesem Abend nicht beantwortet. Sie wurde nicht mal aufgegriffen, weil schon bald deutlich war, dass dafür kein Anlass besteht. Die Koexistenz von Religionen ist in der aufgeklärten modernen Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit und eine Überzeugung, die von der Mitte der Bevölkerung getragen wird.

Die Frage nach dem Wie des interreligiösen Miteinanders ist jedoch längst nicht endgültig beantwortet, auch weil die wieder aktuelle Frage nach der Leitkultur in diesem Kontext bedeutsam wird. Doch die Leitbild-Diskussion blieb diesmal unbehandelt: Stoff vielleicht für eines der nächsten BONIforen.

Beim Dialog der Religionen sind die Theologen auch im Praktischen um einige Erfahrungen reicher und weiter als die Öffentlichkeit. Das darf man nach den Berichten dieses Abends annehmen. Der Theologe Klaus von Stosch beispielsweise erlebt das Mitein­ander der Religionen an der Universität Paderborn als vollkommen selbstverständlich und zudem als menschlich und wissenschaftlich befruchtend.

Studenten und Lehrende, die sich in anderen Teilen der Welt aus religiös-kulturellen Gründen als Feinde betrachten würden, arbeiten erfolgreich im „Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften“ (ZeKK) an der Paderborner Uni zusammen. Von Stosch beschreibt das ZeKK wie ein „Versuchslabor“, und das nicht nur wegen der wissenschaftlichen Ergebnisse, die dort produziert werden, sondern vor allem wegen der Art und Weise des Zusammenseins. „Wenn Leute sich im Alltag ständig sehen, das Büro teilen, dann bauen sie Vertrauen zueinander auf“, sagt von Stosch. Fehlt diese Nähe, dann bestehe die Gefahr, dass die immer gleichen Vorurteile das soziale Klima verdüstern.

Muna Tatari ist eine der Wissenschaftlerinnen aus dem interreligiösen Biotop des ZeKK. Die Muslima ist Juniorprofessorin für Islamische Theologie. Sie teilt sich das Büro an der Uni mit einer katholischen und einer evangelischen Theologin. Die Bürogemeinschaft war sich lange auch im Privatleben nah. Eine Zeit lang wohnten die drei Frauen in einer Wohngemeinschaft im Haus Maria Immaculata in Paderborn zusammen. Wer sich so gut kennengelernt hat, kann auch über den Glauben verschiedener Meinung sein, ohne dass die Auseinandersetzung die Beziehung trübt – und darauf komme es an, sagt Muna Tatari. Was der Dialog der Religionen brauche, sei ein „differenzierter Konsens“.

Nicht so sehr das Gemeinsame der Religionen zählt, sondern die Unterschiede. In diesem Punkt ist sich die islamische Theologin einig mit ihrem katholischen Fachkollegen von Stosch. Beziehungen, in denen Differenzen offen thematisiert werden, seien belastungsfähiger, meint Tatari. Sei der Kontakt dagegen zurückhaltend und ausweichend, schwinge immer ein latentes Gefühl von Verteidigung und Rechtfertigung in der Kommunikation mit.

Offenheit ist auf jeden Fall eine Eigenschaft von Alexander Kogan, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Paderborn. Die Diskussion unter Wissenschaftlern und Pfarrern über Ökumene und Glaubensvielfalt hält Kogan für wenig aussagefähig für die Gesamtgesellschaft, denn sie finde in einem „Elfenbeinturm“ statt. In die soziale Realität der Gesellschaft werde davon kaum etwas heruntergebrochen.

Unwidersprochen wollten seine Gesprächspartner diese Meinung nicht stehen lassen. Im Gegenteil: Wenn Professor Wolfgang Thönissen, leitender Direktor des Johann-­Adam-Möhler-­Institutes für Ökumenik in Paderborn, Wissenschaftler und Angehörige anderer Religionen und Konfessionen zum Gespräch trifft, gelten jenseits aller elitären Ansprüche die grundsätzlichen Regeln des menschlichen Miteinanders: Hört man dem Anderen zu, kann man mit anderen Meinungen leben, trotz Bedenken dem Gesprächspartner folgen? Was das Gespräch im Büro, im Supermarkt oder am Familientisch erfolgreich macht, hilft auch dem wissenschaftlichen Diskurs weiter.

Theologen sind eben auch nur Menschen. Wenn sie sich kennen und vertrauen, entwickelt sich eine Selbstverständlichkeit, die den theologischen Fortschritt erleichtert. Das beste Beispiel ist die Ökumene zwischen der katholischen und evangelischen Konfession. Vor einigen Jahrzehnten war das Wort von der „Glaubensspaltung“ noch weit verbreitet, wenn es da­rum ging, diese interkonfessionelle Beziehung zu beschreiben. Doch das ist vorbei. „Die Glaubensspaltung gibt es nicht mehr“, sagt Thönissen.

Dennoch geht es nicht ohne die Bereitschaft zum Kompromiss. Die evangelische Pfarrerin Antje Lütkemeier hat das erlebt, als sie zusammen mit Vertretern der katholischen, syrisch-orthodoxen und neuapostolischen Kirche den christlichen Garten im ­GlaubensGarten gestaltete. Die Vertreter der vier Konfessionen mussten einen weiten Weg gehen, um zu einem gemeinsamen Entwurf zu gelangen, erinnert sich Antje Lütkemeier: „Wir haben zwei Jahrtausende Kirchengeschichte diskutiert.“

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