Die Verführung der Ordnung

Viele Katholiken lehnen Populisten ab – dennoch üben autoritäre Ideen eine geheime Attraktivität aus

Paderborn. Je katholischer die Wahlkreise, desto schlechter hat bei der NRW-Landtagswahl die AfD abgeschnitten. Die Differenz zwischen Kirche und Rechtspopulisten scheint offensichtlich zu sein. Doch ganz so einfach ist das nicht, wie die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion erfuhren, zu der die Katholische Hochschulgemeinde Paderborn in der vergangenen Woche eingeladen hatte.

von Karl-Martin Flüter

Der Titel verriet die Vielschichtigkeit des Themas: „Zwischen heimlicher Sympathie und bewusster Ablehnung“ zur AfD und ähnlichen Gruppierungen verorteten die Veranstalter die Position von Kirche und Kirchenvolk.

Fest steht: Die Kirchen sind in das Visier der Rechtspopulisten geraten. Bischöfe, die vor der AfD warnen, werden beschimpft und bedroht. Vor allem die Standfestigkeit der Kirchen in der Flüchtlingsfrage macht sie in national-konservativen Kreisen unbeliebt.

Doch diese Zirkel erstrecken sich bis in das Kirchenvolk hinein. Ein Beispiel ist die zunehmende rechtsextreme Verortung des Online-Magazins „kath.net“. Selbst in den Kirchengemeinden wird die Problematik drängender. Studierendenpfarrer Nils Petrat, der zusammen mit der DOM-Redakteurin Claudia Auffenberg das Moderatorenteam der Diskussionsrunde bildete, fragte nach: Was ist, wenn Gemeindemitglieder sich zur AfD bekennen oder sich für Gremien in der Gemeinde bewerben? Das ist eine gute Frage, auf die es keine leichten Antworten gibt, wie sich im Laufe des Abends herausstellte.

Einer der Gäste auf dem Podium, Dr. Andreas Püttmann, war Autor bei „kath.net“, bis er sich nach dessen populistischer Ausrichtung von dem Internetportal trennte. Der Politikwissenschaftler und Publizist bezeichnet sich selbst als konservativ. Das hindert ihn jedoch nicht daran, die rechtspopulistischen Netzwerke in Gesellschaft und Kirche massiv zu kritisieren.

Püttmann verweist auf die breite Ablehnung der AfD durch Katholiken. Aber er warnt von „habituellen Ähnlichkeiten“ zwischen beiden Gruppen. Ursache dafür sei eine starke Orientierung vieler Katholiken an einer vorgegebenen Ordnung. Wenn die kirchliche Bindung an Kraft nachlasse, wenn die Kirchenzugehörigkeit vor allem kulturell erlebt werde, dann drohe die Gefahr, dass diese „Ordo-Orientierung“ mit autoritären Inhalten aufgefüllt werde.

Allerdings betont Püttmann auch: Je größer die Kirchennähe ist, desto stärker wirkt die Immunisierung gegen diesen autoritären Infekt.

Dass Christen nicht unempfänglich sind für Botschaften rechter und faschistischer Heilsbringer, beweist beispielsweise die jahrzehntelange Unterstützung der Franco-Diktatur durch die spanische Amtskirche. Stutzig machen auch Entwicklungen in EU-Staaten wie Polen und Ungarn. In diesen größtenteils katholischen Ländern herrscht ein politischer Mainstream, der auf die Ausgrenzung von ganzen Bevölkerungsgruppen setzt.

Die an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach lehrende Sozialpsychologin Dr. Beate Küpper kann das erklären. Wenn Kirchen große und anerkannte Bevölkerungsgruppen repräsentieren, finden sich in ihnen dieselben Vorurteile und Abwertungen wie in der Gesamtbevölkerung. Die Kirchenzugehörigkeit mache da keinen Unterschied, sagte Küpper. Das sei anders, wenn die Kirchenmitglieder eine nur noch sehr kleine Gruppe in der Gesellschaft stellten. Diese Restgruppe besteht dann aus überwiegend sehr bewussten und reflektiert handelnden Christen, die ausgrenzendes und aggressives Gedankengut abwehren.

Es war eine gute Idee, die Professorin aus Mönchengladbach einzuladen. Die Fachfrau, die unter anderem dem Expertenrat Antisemitismus des Bundestages angehört, forscht über rechtspopulistische Überzeugungen, den Zusammenhang zwischen Religion und Vorurteilen sowie über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Küpper versucht zu erklären, wie Wut, Verachtung und Abwertung entstehen und in der Gesellschaft wirken. Zu vermeiden sind abwertende Einstellungen nicht, ist die Sozialpsychologin überzeugt. Weil Menschen nicht anders können, als Gruppen zu bilden und in Kategorien zu denken, geraten sie automatisch in den Bann von Abwertung und Ausgrenzung.

Auch die Kirche entging diesen Mechanismen nicht immer. Im „Dritten Reich“ waren die Katholiken zu großen Teilen unempfindlich für die Massenhysterie, die der Nationalsozialismus entfachte. Das Transzendenzversprechen der Faschisten konnte bei den Katholiken nicht verfangen, die wussten ihren Gott woanders.

Zuvor, in der Weimarer Republik, hatte es aus Kreisen national-konservativer Christen Kritik an der demokratischen Staatsform gegeben – Püttmann sieht hier Parallelen mit der Gegenwart.

Eine andere Stärke ist die Haltung in der Flüchtlingsfrage, in der beide Kirchen keinen Schritt zurückgehen, selbst wenn sie sich mit eta­blierten Parteien wie der CSU anlegen müssen. Das hat den Kirchen viel Anerkennung gebracht. Das Christentum stehe für Werte wie Empathie, Nächstenliebe, Demut und Gelassenheit, sagte Andreas Püttmann – und das grenze sie ab von den Populisten, denn die seien empathielos, egoistisch, neigten zur Selbstübersteigerung und „Daueraufgeregtheit“.

Gespräche, Toleranz und entschiedene Abgrenzung raten Küpper und Püttmann auch den Pfarrgemeinden an, die AfD-Mitglieder in ihren Reihen wissen. Das gehört zur „demokratischen Bildung“, die Beate Küpper nachdrücklich empfiehlt: „Die Menschen müssen lernen, andere Meinungen auszuhalten und andere Haltungen zu akzeptieren.“

Am Beispiel von verspäteten Demokratien wie Polen oder Ungarn, wo diese Demokratiebildung keine lange Tradition hat, lässt sich ablesen, dass Bildung allein nicht vor autoritären Einstellungen schützt.

Demokratie muss offensiv beworben werden. Das müsse ein zentrales Anliegen von Christen sein, betonte Andreas Püttmann. Man könne die Bundesrepublik als „Zweckgemeinschaft zur Realisierung der Menschenwürde“ verstehen – und das müsse im Sinne jedes Christen sein.

Gespräch über das Verhältnis von Kirche und Rechtspopulisten (v. l.): Dr. Andreas Püttmann, Dr. Beate Küpper, Moderatorin Claudia Auffenberg und Studierendenpfarrer Nils Petrat. Foto: Flüter

 

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