Du bist mein Atem

Gedanken zu Joh 20,19-23

Foto: una.knipsolina / photocase.de

 

Christsein wäre atemlos ohne die Einhauchung des Heiligen Geistes.

von Georg Kersting

50 Tage nach Ostern feiern wir das Pfingstfest. Der Heilige Geist kommt auf die Jünger herab und sie werden in die Welt gesandt, das Evangelium zu verkündigen. Unsere Vorstellung davon, wie dies genau geschehen ist, ist vornehmlich vom Pfingstbericht der Apostelgeschichte (Apg 2,1-11) bestimmt: Die Jünger versammeln sich in Jerusalem hinter verschlossenen Türen. Unter Sturmesbrausen kommt der Geist in Feuerzungen auf sie herab. Sie können in fremden Sprachen reden. Freimütig treten sie vor die Türen und bekennen ihren Glauben an Jesus Christus.

Auch die Festfolge des Kirchenjahres ist von der Chronologie der Apostelgeschichte geprägt: Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Diese Vorstellung ist fest bei uns verankert. Da verwundert es schon, dass das Neue Testament noch eine ganz andere Version von der Geistsendung bereithält. Dies überliefert uns das Johannesevangelium.

Wo der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte das Oster- und Pfingstgeschehen zeitlich entfaltet und nacheinander strukturiert, da wird es bei Johannes konzentriert und ineinander verschränkt: die Kreuzigung, der schändliche Tod Jesu am Kreuz, ist im Licht von Ostern auch seine Erhöhung zum Vater (Himmelfahrt). Und Ostern, die Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern, ist zugleich auch Sendung des Geistes (Pfingsten). Diese Verdichtung der Ereignisse, die Johannes uns zumutet, fordert unser theologisches Denken heraus. Es birgt neue, belebende Per­spektiven.

Der Heilige Geist ist der Geist Jesu. Der Geist, in dem er lebte und wirkte. Diesen Geist hat er bei seinem Sterben, bei seiner Hingabe am Kreuz ausgehaucht (Joh 19,30). Er gab sein Letztes, den Geist seiner Liebe und Hingabe. Diesen Geist haucht er nun seinen Jüngern ein, wenn er sie sendet. Dies ist sein Erstes für die Menschen.

Bei der Erschaffung des Menschen (Gen 2,7) formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebens­atem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Der Auferstandene haucht seine Jünger an, die ihn verraten und verleugnet haben, die verängstigt und verwirrt sind. In diesem Anhauchen geschieht Neuschöpfung: der Geist Jesu heilt und versöhnt, er verwandelt und erneuert. Was Gott von Anfang an für die Menschen wollte, wird in der Gabe des Auferstandenen bekräftigt und bestärkt. Gott will den lebendigen Menschen.

Der Hauch ist Kraft. Er ist das Innerste Jesu. Im Anhauchen und Einatmen wird er zum Innersten der Jünger. Er ist in seinen Jüngern. Und dies setzt sie in Bewegung, wie bei der Windkraft. Jesus sendet seine Jünger. Er verleiht ihnen die Vollmacht, Sünden zu vergeben.

Was das bedeutet, hat der Theologe und Dichter Huub Oosterhuis im bekannten Lied „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (GL 422) in der dritten Strophe in folgende Verse gebracht: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

Erfüllt mit dem Hauch, dem Atem des Auferstandenen, können und dürfen die Jünger das Wort sprechen, das tröstet und befreit: Deine Sünden sind dir vergeben! Dieses Wort hat Kraft. Es schließt auf das Land, das keine Grenzen kennt. Es macht zu Gottes Kindern. Der Hauch des Lebens wird weitergetragen. Christus, der Auferstandene, ist im Heiligen Geist in uns. Er ist unser Atem. Er ist unser Leben. Dies ist die Gabe des Auferstandenen an Ostern, an Pfingsten und heute.

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