Effata – Öffne dich!

Gedanken zu Mk 7,31-37

Foto: kallejipp/photocase

 

Liebende Zuwendung kann die Taubheit des Herzens heilen und überwinden.

von Hartwig Trinn

Bei den Heilungswundern Jesu geht es immer um das konkrete Geschehen, die Heilung eines Kranken. Gleichzeitig scheint aber in jeder Heilung etwas vom kommenden Gottesreich auf, das mit Jesus angebrochen ist. So auch in diesem Evangelium: Auf der konkreten Ebene des Geschehens ist zunächst einmal die Ortsangabe interessant: Jesus hält sich in einem Gebiet auf, das mehrheitlich von Heiden bewohnt ist.

Wenn ich als Seelsorger Menschen im Krankenhaus besuche, geht mir das manchmal ähnlich: mehrheitlich Heiden. Oder zumindest Menschen, die mit Religion und Kirche nicht allzu viel zu tun haben. Die erste wichtige Erkenntnis aus der Wundererzählung ist, dass die Zuwendung Jesu jedem gilt. Wenn jemand krank ist, braucht er die „Zuwendung des Herzens“, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt. Diese Zuwendung des Herzens gilt allen, ganz gleich ob Christ oder nicht, Kirchensteuerzahler oder nicht. Zuwendung des Herzens kennt keine religiösen, konfessionellen oder welt­anschaulichen Grenzen.

Der Taube hat Menschen, die ihn zu Jesus bringen. Für uns bedeutet das, dass sich die heilende Nähe Gottes durch konkrete Menschen ereignet. Überall dort, wo Menschen Anteil nehmen, Mitleid und Zuwendung zeigen, ist die heilende Nähe Gottes spürbar. Das kann im helfenden Tun geschehen, aber auch im Gebet für die Kranken.

Manchmal fragen Menschen, was sie getan haben, dass sie mit einer schweren Erkrankung gestraft sind. Auf diese Frage gibt es keine letztlich befriedigende Antwort, eines ist jedoch klar: Gott straft nicht mit Krankheit. Gott nimmt in Jesus Christus, der selber gelitten hat, Anteil, und ist dem Kranken nah. Im Evangelium wird das sehr schön beschrieben: Jesus blickt zum Himmel auf und seufzt. Hier wird die ganze Nähe Gottes zum leidenden Menschen deutlich.

Der dramatische Höhepunkt der Heilung ist dann das Wort Jesu: „Effata – Öffne dich!“ Wie ein machtvolles Schöpferwort wirkt dieses Effata und erinnert an den Schöpfungsbericht: Gott sprach und es geschah. Wie in der Schöpfung neues Leben entstand, so entsteht jetzt neues Leben für den von seiner Taubheit geheilten Mann. Darüber kann trotz Verbot nicht geschwiegen werden. Die Menschen verkünden, was Jesus getan hat: „Er hat alles gut gemacht!“ Auch dieses Wort erinnert an das „Gott sah, dass es gut war“ der Schöpfung. Im Reich Gottes wird die ursprüngliche Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung wiederhergestellt: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen, der Tod wird nicht mehr sein, keine Klage, keine Mühsal“ schreibt Johannes in der Offenbarung.

Der heilige Benedikt beginnt seine Ordensregel mit den Worten: „Höre mein Sohn, neige das Ohr deines Herzens.“ – Es gibt Menschen, die zwar rein akustisch hören können, die aber auf dem „Ohr ihres Herzens“ taub sind. Wer auf dem Ohr seines Herzens taub ist, kann sich nicht sich selbst und dem Nächsten mit dem Herzen zuwenden. Er kann auch nicht über das „richtig reden“, wie es im Evangelium heißt, was ihn im Herzen bewegt: ja, vielleicht kann er es noch nicht einmal selbst hören. Und er kann auch nicht hören, was andere bewegt. So wie er taub ist gegenüber sich selbst, ist er auch taub gegenüber seinem Nächsten und letztlich auch gegenüber Gott. Einsamkeit, Isolation und Verzweiflung können die Folge sein, aber auch unbarmherzige Härte gegenüber sich selbst und anderen. Allen diesen Menschen wünsche ich Menschen, die sie zu Jesus bringen, allen gilt das Wort ­Jesu: „Effata – Öffne dich!“

Zum Autor:

Dipl. Theol. Hartwig Trinn hat die Gesamtleitung Seelsorge und Ethik in der St. Elisabeth Gruppe – Katholische Kliniken Rhein-Ruhr.

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