Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Gedanken zu Mk 10,2-16

Weil sie hartherzig sind, verletzen Menschen einander. Foto: Rosel Eckstein / pixelio

 

In einem Schulgespräch widerlegt Jesus die Argumentation der Pharisäer über die „Ehe-Scheidung“.

von Klaus Korfmacher

Hier ist es der Evangelist Markus, der dem Zuhörer bzw. dem Leser die Schelmenkappe aufsetzt und auf die falsche Fährte führt. Ha, haben wir sie mal wieder erwischt, diese Pharisäer. Da gibt es die, die es darauf anlegen, anderen eine Falle zu stellen. Und es gibt die, die in selbige Falle tappen. Wieder trifft es Jesus. Er ist bevorzugtes Objekt der Pharisäer. Aber warum wollen sie ihn „fangen“? Oder vielleicht ganz anders? Nimmt Markus, der Evangelist, das bekannte Muster eines Streitgespräches, um in der jungen christlichen Gemeinde etwas zu verdeutlichen? Das Frage-Antwort-­Schema zwischen jüdischen Opponenten gegen christliche Gemeinde verweist auf die rhetorische Form des Schulgespräches mit dem Ziel, das generelle Scheidungsverbot Jesu zu sichern und zugleich deutlich zu machen, dass es für Frauen und Männer gilt, sowie die Hartherzigkeit der Menschen sichtbar werden zu lassen.

Der Evangelist komponiert geschickt. Er stellt die Pharisäer als die dar, die spüren: Da ist dieser Jesus. Der Zimmermannssohn. Handwerker! Kein Geistarbeiter! Was weiß der denn schon vom Recht und vom Gesetz? Geschweige denn von Ehe und von Gottes Absichten?

Die Pharisäer müssen anerkennen, dass Jesus das Gesetz kennt. Seine Gegenfrage nach dem Gebot des Mose, das als Gebot Gottes gilt, zeigt, er weiß worauf es ankommt und er führt alles auf den Geist des Gesetzes zurück und damit in die Mitte der Absicht Gottes. Daher sind seine Reden so „gott-nah“. Das ist das Gefährliche dieses Menschen: Er ist „gott-nah“. So zerfällt das Menschliche, das künstlich hochgehaltene Geflecht menschlicher Machenschaften, mit dem sich herrlich Druck aufbauen lässt, um andere kleinzuhalten. Die meinen, alles müsse so sein, wie die Pharisäer es sagen.

Diesmal ziehen die Pharisäer das Königsthema „Ehe-­Scheidung“ heran: die Rahmenbedingung für Männer und Frauen in der Ehe. Jesus greift auf die Ursprünge in Gen 1,27 und 2,24 zurück. Es ist die Schöpfungsordnung. Sie gilt. „Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen?“, so fragen sie, folgerichtig im damaligen Verständnis ausschließlich männerorientiert! Jesus zieht als Autorität Mose hinzu. „Was hat er vorgeschrieben?“ Mose hat erlaubt, so die Pharisäer, „eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen“(Dtn 24,1).

Das Schulgespräch hat ein Schema, in dem dem Meister eine Frage vorgelegt wird, auf die er mit einer Gegenfrage reagiert. Nach deren Beantwortung erfolgt die abschließende Beantwortung der eingangs gestellten Frage. Es ist Anklage, Schriftbeweis und Schlusssentenz. Es folgt die Jüngerbelehrung, die nach üblichem Muster mit einer Frage nach dem Sinn der öffentlichen Lehre einsetzt. Sie enthält eine über die judäisch-hellenistischen Rechtsverhältnisse angepasste und auch für die Frau abgewandelte formulierte Version des grundsätzlichen Scheidungsverbotes Jesu (V 11; vgl. Mt 5,32; Lk 16,18).

Damit wird die doppelte Absicht des Evangelisten sichtbar. Zum einen geht es um die ursprüngliche Aussage, dass das Gebot Gottes Mann und Frau in der Ehe zusammenbindet, weil der Ehewille dieses bekundet und beide damit „ein Fleisch“ werden. Diese Verbindung ist nicht einfach aufhebbar. Hier drückt sich die eigentliche Intention Gottes aus: Mann und Frau sind aufeinander verwiesen. Weil aber die Menschen „hartherzig“ sein können, verletzen sie einander, indem sie die Verantwortung, trotz Bindung, aufheben. Sie stellen eine Scheidungsurkunde aus. Mose hat das zugelassen.

Jesus billigt dies nicht. Sein Wort allerdings bezieht ausdrücklich Frauen mit ein. Auch sie können aus der Ehe entlassen. Der Evangelist Markus zeigt die Tradition für seine gewiss hellenistische, wohl gemischt juden- und heidenchristliche Gemeinde als „Maßstab und Orientierung für die Entscheidungen der Gegenwart“ auf. Er macht deutlich, dass er die öffentliche Auseinandersetzung mit der pharisäischen Tradition nicht scheut. Die junge christliche Gemeinde sollte gezielt über die christliche Position unterwiesen werden. Markus, der Schelm, hat sich Richtungsweisendes dabei gedacht.

Zum Autor: Pfarrer Dr. Klaus Korfmacher ist Pastor im Pastoralen Raum Pastoralverbund Dortmund-­Mitte.

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