Einander Hirte sein

Gedanken zu Mt 9,36-10,8

Jesus, der Gute Hirte, ist die Norm, an der sich alle in der Pastoral Tätigen orientieren müssen.

von Christian Städter

Das Evangelium spannt den weiten Bogen vom Mitleid Jesu hin zur Aussendung der Apostel.

Der Ausgangspunkt ist das Herz Jesu. Jesus sieht die vielen müden und erschöpften Menschen und denkt an das alte Bild aus der Bibel: eine Herde, die keinen Hirten hat. Sie ist sich selbst überlassen und irrt rastlos und ziellos umher. Sie ist schutzlos, wenn ein wildes Tier kommt.

Den Menschen, so scheint es Jesus wahrzunehmen, fehlt ein ruhiger Fürsorger. Ihnen fehlt jemand, der vorangeht und den Weg weist zu einem guten Ziel. Jesus sieht, wie die Menschen in ihrem Herzen eine Sehnsucht nach Gott tragen. Aber niemand hilft ihnen, Gott in ihrem Leben zu entdecken.

Jesus lässt sich von der hilflosen Situation der Menschen in seinem Herzen anrühren. Das ist vielleicht die erste und grundlegendste Eigenschaft des Guten Hirten. Er schaut nicht von oben auf die Menschen herab, sondern versetzt sich in sie hinein. Er sieht das Schwere, das sie tragen, und hat Mitleid. Jesus wird sich gerade im Schauen auf das Leid der Menschen seiner eigenen Sendung immer deutlicher bewusst: Er soll der Gute Hirte sein. Er soll die Menschen sammeln, sie schützen und ihnen den Weg weisen.

An erster Stelle steht für Jesus nicht die Aufstellung eines Planes, der dabei helfen könnte, die Menschen zu erreichen. An erster Stelle steht für ihn das Gebet: Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Gottvater ist der Herr des Volkes, der die Hirten einsetzt. Wer dem Volk wirklich helfen will, darf nicht im eigenen Namen auftreten und eigene Interessen verfolgen, sondern muss sich vom Herrn der Ernte gesandt wissen. Das hirtenlose Volk ist kein Versuchsobjekt für die Selbstverwirklichung selbsternannter Hirten!

Dann sendet Jesus die Apostel aus. Was sind das für Menschen, die der Evangelist in der Apostelliste aufzählt? Fischer, Schüler des Täufers Johannes, ein Zöllner, ein Zelot – also ein Ultranationalist – und einer, der später zum Verräter wird. Es ist keine verheißungsvolle Gruppe, aus der Jesus Hirten formen will. Wa­rum hat Jesus gerade sie ausgewählt? Vielleicht weil er annimmt, dass gerade sie es schaffen können, die hilflosen Menschen aus seinen Augen anzublicken, nicht von oben herab, sondern aus einer Perspektive, die sich anrühren lässt, die wie Jesus Mitleid empfindet. Vielleicht auch deshalb, weil er spürt, dass sie nicht versuchen werden, seinen Auftrag, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen, aus sich selbst heraus zu erfüllen, sondern aus der Kraft und Vollmacht dessen, der sie gesandt hat.

Jesus sendet die Apostel aus mit dem einen Satz: Das Himmelreich ist nahe. Gott ist euch nahe – das ist die Botschaft. Die Menschen, die sich davon ansprechen lassen und Gott zuwenden, erfahren, dass das Böse zurückweicht, auch wenn es in der Welt nie ganz verschwindet. Ganz verschwinden wird es erst, wenn das Himmelreich in seiner ganzen Fülle gekommen ist.

Was bedeutet dieses Evangelium dann für mich? Jeder ist aus seinem Christsein heraus in einem weiten Sinn Hirte für andere: Eltern sind Hirten für ihre Kinder. Lehrer sind Hirten für ihre Schüler. Ältere Brüder oder Schwestern sind Hirten für ihre Geschwister. Priester sind Hirten für die ihnen anvertrauten Gläubigen. Der Ausgangspunkt für jeden Hirten ist das eigene Herz. Nur wer sich anrühren lässt, kann erahnen, wo die Sehnsucht der Menschen steckt. Und in diese Sehnsucht hinein wird dann verkündet: Das Himmelreich, Gott selbst ist dir nahe!

Zum Autor:

Pastor Christian Städter ist ­Spiritual im Erzbischöflichen Priesterseminar Paderborn.

Einander Orientierung geben: Jeder ist aus seinem Christsein heraus im weitesten Sinn Hirte für andere. Foto: criene/photocase

 

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