Eine Heimat auf immer

Interview zum Fest der Liebe

In den Wochen vor Weihnachten triefte es wieder allüberall. Besonders die Werbung zelebrierte Weihnachten als das Fest der Liebe. Ein Konzern, der nach eigener Aussage Lebensmittel liebt, verkündete: Ohne Liebe ist es nur ein Fest. Claudia Auffenberg sprach mit Dr. Wilhelm Tolksdorf, Professor für Pastoraltheologie an der KatHO NRW, Standort Paderborn, darüber.

Etwas Glitter? Ach, warum eigentlich nicht?! Foto: Miss X/photocase

 

Herr Professor Tolksdorf, ist Weihnachten das Fest der Liebe?

Zunächst einmal ist Weihnachten das Fest eines wunderbaren Geheimnisses. An Weihnachten wird Gott Mensch und verbindet sich mit der Menschheit auf eine untrennbare Weise, ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen – mit einer großen Geste der Zuwendung für alle Zeiten. Wenn Sie das Liebe nennen wollen, dann sind wir mit dem Wort gut bedient. Wir können es aber auch Erbarmen nennen oder Erlösung.

Wenn die Werbung vom „Fest der Liebe“ redet, meint sie aber sicher etwas anderes.

Vermutlich. Ein Weg, mit einem Geheimnis umzugehen, ist, ihm einen Rahmen zu geben, und der ist immer zeit- und kulturbedingt. Weihnachten wird weltweit sehr unterschiedlich gefeiert. Wir Deutschen haben da dank der Reformation eher einen Zug zur stillen Weihnacht. In Italien, in Irland und auch in den USA wird Weihnachten viel ausgelassener gefeiert. Da blitzt, blinkt und jubelt es überall. Andere Länder, andere Gebräuche. In einer global gewordenen Welt vermischen sich aber die Feierkulturen mit ihren Lichterketten und Leuchtsternen. Weihnachten heute ist weltweit, universal. Und die Werbung nutzt dies auf ihre Weise.

In der Weihnachtsgeschichte des Lukas taucht das Wort Liebe gar nicht auf. Trotzdem fasziniert diese Geschichte weltweit. Haben Sie eine Idee, warum?

Ich wäre gern in Bethlehem dabei gewesen, unter diesem rauschenden Engelshimmel, um mir die Botschaft sagen zu lassen: Ein Kind ist uns geboren. Und in diesem Kind sind wir alle gemeint, denn im tiefsten Herzen sind wir alle Kinder geblieben. Weihnachten rührt uns im Innersten. Und so schauen wir am Heiligen Abend voller Sehnsucht, vielleicht auch mit einem Tränchen im Auge, auf den Tannenbaum mit seinen glitzernden Kugeln. An Weihnachten fasziniert das Urmenschliche. Ich habe gerade noch im Zug eine Mutter mit einem Kind gesehen: Wie wunderbar unschuldig ist so ein Kind. Wie viel Leuchten ist da. Diese urmenschliche Erfahrung, dass Leben geboren wird, ganz einfach da ist und Freude machen will, das bindet uns an Weihnachten.

Worum geht es eigentlich in der Weihnachtsgeschichte?

Es geht um einen liebevollen, erbarmenden, überraschenden Gott, der uns in der Weise seiner Gegenwart neu an sich bindet. An Weihnachten sind wir endgültig und unverbrüchlich Geschwister geworden. In diesem einen Kind, dem Sohn Gottes, sind wir auf neue Weise miteinander und mit dem Himmel verbunden. Wir haben auf immer eine Heimat. Weihnachten ist Gottes Umarmung der Welt schlechthin. Bei allen Fragwürdigkeiten und allen Tragödien, die menschliches Leben auch ausmachen, haben wir eine Heimat und sind angenommen. Ach, Weihnachten ist schon ein tolles Fest!

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