Eine Sache des Respektes

Junge Dichter tragen im Dom vor / Auch das passt in das Gotteshaus / Nur die Akustik ist ein Problem

Paderborn. 400 Zuhörer haben im Paderborner Dom die Eröffnungsveranstaltung der deutschen U-20-Meisterschaften im Poetry-Slam erlebt. Dabei ging es um ein besonderes Thema: Respekt.

Die Paderbornerin Sarah Lau trug im Dom ihren Poetry-Slam-Text über ihre Erfahrungen im Tages­pflegehaus St. Kilian in Paderborn vor. Foto: Flüter

 

von Karl-Martin Flüter

Tatsächlich war der Respekt das verbindende Element, das an diesem Abend alle und alles zusammenbrachte. Mit dem Dom hatten die Veranstalter einen besonderen Ort gewählt, der den Poetry-­Slam-Dichtern und dem Publikum mehr Rücksichtnahme als bei anderen Poetry-Slams abforderte. Der Gastgeber, das Domkapitel zu Paderborn, zeigte viel Respekt vor der Kunst der jungen Dichter, als es das heilige Haus für den Poetry-­Slam öffnete.

Die Idee, die deutschen U-20-Meisterschaften mit dem Thema Respekt im Dom zu beginnen, geht zurück auf ein Ereignis, das vor einem Jahr stattgefunden hat. Damals hatte der Caritasverband Paderborn junge Dichter in seine Einrichtungen eingeladen und sie gebeten, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Diese Texte waren auf großen Beifall gestoßen.

Der Erfolg des Caritas-Poetry-­Slams war Karsten Strack aufgefallen. Der Paderborner Verleger, Veranstalter und Moderator ist eine bekannte Größe der deutschen Poetry-Slam-­Szene – und Ausrichter der U-20-Meisterschaften in Paderborn. Schnell war ihm klar, dass der Caritasverband Paderborn Partner der Eröffnungsveranstaltung im Dom werden sollte. Zusammen einigte man sich auf das Thema „Respekt“.

Tatsächlich eint dieser Begriff die scheinbar einander fremden Welten des Wohlfahrtsverbandes und der jungen, flippigen Dichter. Für Poetry-­Slam ist Respekt ein Kernbegriff. Eine der wichtigsten Regeln lautet: „Respect the Poets“. Die Bedeutung von Res­pekt für die Caritasarbeit muss eigentlich nicht erläutert werden. Respekt ist gelebte Anerkennung der Würde eines jeden Menschen – und genau darum geht es bei der christlichen Nächstenliebe.

Der Dom sei ein Raum, in dem Menschen ihrem Gott Respekt erweisen, sagte Domkapitular Dr. Thomas Witt, außerdem Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes, zur Begrüßung. Er freue sich, dass an diesem Ort Gott und Welt zusammenkommen würden.

Witts dezenter Hinweis auf die Würde des heiligen Raumes wurde respektiert. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis des Abends.

So blieb nur ein Problem: die Akustik. Für liturgische Texte und Gesänge ist der Dom gebaut. Poetry-Slam passt weniger gut in diese Architektur. Die Dichter reden schnell und werden schon mal theatralisch laut. Damit haben sie im Dom jedoch keine Chance.

Der Nachhall in dem jahrhundertealten Gotteshaus liegt wie eine schwere Klangwolke im Gewölbe. Wer schnell oder laut redet, verursacht akustische Wellen, die sich überlagern und kaum noch zu verstehen sind. Zwar gelang es nach einer kurzen Technikpause, die Akustik zu verbessern. Der Nachhall jedoch blieb.

Das hatte sprecherzieherische Folgen für die jungen Dichter. Sie mussten ganz gegen ihre Gewohnheit langsam sprechen und Pausen einlegen. Manchen gelang das gut, bei anderen entwickelten sich die Vorträge zu Klangcollagen, die sich in den hohen Gewölben zu wahren Klangkaskaden auftürmten.

Bei der Österreicherin Anna-­Lena Obermoser zum Beispiel verwandelte sich der an zischenden Konsonanten und zerdehnten Vokalen reiche Dialekt zu einem Murmeln und Säuseln, einem fast meditativen Auf- und Abschwellen, zu dem sich vortrefflich das gotische Bauwerk mit seinen hohen Säulen, die reich verkleidete Kanzel oder der Hochaltar betrachten ließ.

Auch das lag ja in der Absicht der Veranstalter: Die Schönheit und die Ausstrahlung des sakralen Raumes Menschen näher bringen, die den Dom sonst kaum besucht hätten. Denn eines war an diesem Abend wie immer. Das Kreuz am Altar überragte alles andere. So viel Respekt musste sein.

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