Energie für neue Aufgaben

Pastoralvereinbarungen der drei Pastoralverbünde Bielefelds bilden Grundlage fürs Zusammenwachsen

Bielefeld. Die katholischen Gemeinden in Bielefeld wachsen immer mehr zusammen. Nach der Großpfarrei St. Elisabeth im Bielefelder Süden, die bereits im vergangenen Jahr ihre Pastoralvereinbarung fertigstellte, folgten im Februar auch die beiden übrigen Pastoralverbünde Bielefeld-Ost und Bielefeld Mitte-Nord-West. Damit sei eine Grundlage gelegt, mit deren Hilfe es spätestens 2025 nur noch einen großen pastoralen Raum in Bielefeld geben werde, sagte Dechant Klaus Fussy, der für das Dekanat Bielefeld-Lippe an der Beratung und Erarbeitung der drei Pastoralvereinbarungen beteiligt war.

Dechant Klaus Fussy zeigt die drei Pastoralvereinbarungen der Bielefelder Pastoralverbünde. Die Karte links an der Wand zeigt das Dekanat Bielefeld-Lippe. Fotos: Jonas

 

von Markus Jonas

Rund 100 Haupt- und Ehrenamtliche waren an der Erarbeitung der Pastoralvereinbarungen in einem Zeitraum von rund drei Jahren beteiligt. Bei einer Klausur des Pastoralteams wurden jeweils erste Perspektiven entwickelt und von den Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten inhaltliche Impulse gegeben. „Die Leute von der Basis können das am besten einschätzen“, sagt Klaus Fussy, der selbst als Seelsorger im Pastoralverbund Bielefeld-Ost eingebunden ist, als Dechant aber die Vertretung des Bischofs in dem Prozess innehatte.

Als solcher war er in regelmäßigen Statusgesprächen mit den pastoralen Teams im Gespräch, auch um eventuelle Probleme lösen zu helfen. Typische Probleme seien Widerstände bezüglich einer Änderung der Gottesdienstordnung. „Wenn Gottesdienste gestrichen oder die Zeiten geändert werden, ist das immer kompliziert“, berichtet Klaus Fussy. „Aber wir müssen Prioritäten setzen, damit wir Energie für neue Dinge haben.“ Manchmal müsse man „Dinge sterben lassen“, weil sie vielleicht sogar lange Zeit gut funktioniert haben, nun aber nicht mehr am Leben erhalten werden können. So habe die Caritasarbeit vor Ort jahrzehntelang wichtige Impulse gesetzt und vielen Menschen geholfen. Doch das hohe Engagement könnten viele Ehrenamtliche heutzutage nicht mehr aufbringen. Deshalb müsse man überlegen, die karitative Arbeit projektorientierter aufzustellen. Vor allem die Flüchtlingsarbeit habe in diesem Sinne manche Entwicklungen in den Pastoralverbünden gefördert. „Viele haben gesagt: Wir müssen was tun.“ Entstanden seien Cafés für Flüchtlinge, Sprachkurse und vieles mehr. „So muss Kirche sein. Wir müssen nach draußen gehen“, sagt Dechant Fussy. „Wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe, die Aufgabe der Nächstenliebe gegenüber Einzelnen und auch ganzen Gruppen.“

Sinn der Pastoralvereinbarungen sei es, „aus alten Strukturen rauszugehen und sich zu fragen, wie tickt die Stadt, wie tickt mein Stadtteil, was braucht es hier?“ Jede Gemeinde, jeder pastorale Raum müsse sich fragen: Wozu bist du da? „Wir müssen uns öffnen, uns auch vernetzen mit anderen, die gute Arbeit für die Menschen machen.“

Als einen Schwerpunkt nennt Klaus Fussy für den Pastoralverbund Mitte-Nord-West das Erwachsenenkatechumenat, das sich in Dornberg aus der Erfahrung entwickelt habe, dass zunehmend Erwachsene nach dem Glauben fragen. „Erwachsene, die ganz neu nach dem Glauben fragen, brauchen andere Angebote als Langzeitkatholiken“, sagt Klaus Fussy.

In einer Großstadt wie Bielefeld sei das Stichwort „Menschen am Rande“ wichtig. „Hier leben viele Menschen in prekären Verhältnissen. Wenn ich am Jahnplatz stehe und die Menschen beobachte, sehe ich viele, die in die Mülleimer schauen und nach Pfandflaschen suchen.“

In der Stadt sei es auch wichtig, dass die Kirchen geöffnet und als Orte der Stille zugänglich seien. Klaus Fussy kann sich gut vorstellen, in den geöffneten Kirchen nach dem Vorbild der Kirchen in Frankreich am Eingang der Kirche einen Empfang einzurichten. So sei in St. Jodokus in der Innenstadt in der Fastenzeit und im Advent nachmittags immer jemand ansprechbar. Zudem bieten das „gast+haus“ sowie das CityKloster neue pastorale Angebote für suchende Menschen.

Im Bielefelder Osten, wo in St. Joseph die Gemeinschaft SantEgidio zu Hause ist, hat der Pastoralverbund in seiner Pastoralvereinbarung verankert, nach dem Vorbild von SantEgidio vor jeder Sitzung erst auf das Evangelium zu schauen und nach der Übertragbarkeit vor Ort zu fragen. „So sollen möglichst alle an allem beteiligt sein, quasi eine Basisdemokratie“, erklärt Klaus Fussy. „Wir fragen uns, was hätte Jesus in unserer Situation getan?“ Diese Herangehensweise, die schon seit dem Beginn der Arbeit an der Pastoralvereinbarung 2014 umgesetzt wird, habe atmosphärisch viel verändert, sagt Fussy. „Es hat uns einen geistlichen Zugang zum Tagesgeschäft gegeben. Das hat eine andere Qualität bekommen.“

Der Pastoralverbund im Süden Bielefelds entschloss sich früh, sich zur Gesamtpfarrei St. Elisabeth zusammenzuschließen. Mit dem Jugendkloster in Ummeln legt die Gemeinde in Kooperation mit der KjG einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit jungen Menschen im Alter ab 14 Jahren. Die Teilnehmer an Jugendwochenenden bilden mit dem Leitungsteam eine „Klostergemeinschaft auf Zeit“ – in der sie Bibel lesen, beten, gegenseitig das Leben deuten und nach Gott fragen. Dieses Konzept könne durchaus noch ausgebaut werden, sieht Klaus Fussy auch in St. Elisabeth ein Potenzial, das über Bielefeld hinaus wirken kann.

Wichtig sei, dass die Pastoralvereinbarungen jetzt nicht in der Schublade verschwinden, sondern umgesetzt werden, sagt er. So könnten die Gemeinden Bielefelds über die Grenzen hinweg zusammenwachsen und gemeinsam für die Stadt wirken.

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