Erst die Lösung, dann das Rätsel

Zum Fest des Evangelisten Markus am 25. April

Nach Pfingsten endet liturgisch gesehen der Osterfestkreis: Ab dem Juni heißen die Sonntage wieder soundsovielter Sonntag im Jahreskreis, der Priester trägt im Gottesdienst grün und verkündet wird das Evangelium nach Markus.

Die Markuskathedrale in Kairo wurde 1968 eingeweiht. Sie ist Sitz des Oberhauptes der Kopten, des Papstes und Patriarchen von Ale­xandrien. Im Dezember 2016 gab es dort einen Bombenanschlag mit mehr als 25 Toten. Im März 2017 besuchte Kanzlerin Merkel das koptische Gotteshaus. Foto: KNA

 

von Claudia Auffenberg

Das Markusevangelium ist das älteste der vier und steht im Neuen Testament an zweiter Stelle nach dem Matthäus­evangelium. Sein Verfasser ist unbekannt, taucht aber inte­ressanterweise im Heiligenkalender auf: am 25. April. Der Legende nach war er Bischof von Alexandria, wo er die koptische Kirche begründete und um das Jahr 68 n. Chr. den Märtyrertod erlitt. Ob das alles historisch so war, ist ziemlich unsicher, aber letztlich auch nicht relevant. Wichtiger ist das Evangelium, das seinen Namen trägt und das eine interessante Komposition ist. Man könnte vielleicht so sagen: Es ist eine Rätselgeschichte, die mit der Lösung beginnt und ein offenes Ende hat, das irgendwie kein Ende ist. In amerikanischen Fernsehserien gibt es das Stilmittel des Cliffhangers. Eine Folge endet dramaturgisch so, dass der Zuschauer nach der Fortsetzung giert. So ähnlich ist es bei Markus, die Fortsetzung ist in diesem Fall jedoch das Leben des Lesers. Er muss entscheiden, was er mit dieser Jesus-­Geschichte anfängt. Die Frauen haben das leere Grab entdeckt und den Hinweis erhalten, dass sie nach Galiläa gehen sollen: „Dort werdet ihr ihn sehen!“ Dann fliehen die Frauen in Angst und Schrecken. Ende. Im ursprünglichen Evangelium tritt der Auferstandene selbst nicht mehr auf. Markus entlässt seine Leser nun in die eigene Verantwortung, so wie ein Vater, dessen Kind ohne Stützräder fährt, irgendwann das Rad loslässt.

„Geht nach Galiläa“, das ist der entscheidende Hinweis. In Galiläa nämlich beginnt das Evangelium und es gibt keine lange Vorrede. Gleich im ersten Satz erfährt der Leser, wer Jesus ist: der Sohn Gottes. Dann geht es Schlag auf Schlag. Jesus tritt auf, seine ersten Worte lauten: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Er beruft die ersten Jünger, die „sogleich“ alles stehen und liegen lassen. Er kommt in die Synagoge, predigt, heilt, sein Ruf verbreitet sich „rasch“ in ganz Galiläa. Alle Kranken bringt man zu ihm, er zieht durch ganz Galilaä, treibt Dämonen aus und die Leute kommen von überall her zu ihm. Und das ist erst das erste Kapitel! Galiläa, das ist der Frühling des Messias, das Aufatmen und Aufrichten der Menschen. „Geht nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.“ Das könnte auch der Hinweis an den Leser sein: Lest noch einmal von vorn, jetzt mit eurem Wissen über die Ereignisse in Jerusalem. Jetzt versteht ihr vielleicht, worum es wirklich geht.

Markus selbst wird heute auch als Patron von Venedig verehrt, wo einige Reliquien verehrt werden. Ursprünglich waren es noch mehr, doch vor 50 Jahren gab Papst Paul VI. einen Teil davon an den Patriarchen Cyrill VI. von Alexandria zurück.

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