Freiheit des Wortes

Die 10 Gebote für Europa

Könnten die Zehn Gebote Europa helfen, seine Zukunft zu gestalten? Ja, sagt die katholische Theologin Prof. Dr. Elisabeth Jünemann. Sie lehrt an der KatHO NRW Theologische Anthropologie und Theologische Ethik und befasst sich mit der Frage, wie Ethik von den hehren Vorsätzen zur konkreten Tat werden kann. Sie hat die Zehn Gebote auf Europa hin gedeutet. In dieser und den folgenden DOM-Ausgaben geben wir ihre Gedanken wieder.

Foto: Stephanie Hofschläger / pixelio

 

Du sollst nicht stehlen

Man kann es in wohlhabenden Gegenden sehen: Häuser hinter hohen Mauern, manchmal mit Stacheldraht geschützt, videoüberwacht. Die Angst vor Diebstahl macht nicht gerade frei. Das ist die eine Seite. Die andere Seite: ohne Besitz zu sein, macht auch unfrei. In der jüdisch-­christlichen Tradition wird Besitz als Chance zur Selbstverwirklichung gesehen und steht jedem zu. Deshalb schützt das siebte Gebot den Besitz. Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, auch für Europa. Elisabeth Jünemann: „Die europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme verbinden nach wie vor Eigentum mit sozialen Pflichten.“ In der Grundrechtecharta der EU heißt es: „Jede Person hat das Recht, ihr rechtmäßig erworbenes Eigentum zu besitzen, zu nutzen, darüber zu verfügen und es zu vererben. Niemandem darf sein Eigentum entzogen werden, es sei denn aus Gründen des öffentlichen Interesses in den Fällen [] sowie gegen eine rechtzeitige angemessene Entschädigung für den Verlust des Eigentums.“ Mit dem siebten Gebot nicht vereinbar sei „das starke Gefälle zwischen den europäischen Staaten in Lohn und Sozialabgaben, das Unternehmer dazu motiviert, in Billiglohnländer abzuwandern. Übrigens: Auch die Wirtschaftsbeziehungen der EU nach außen seien der Chance des Einzelnen auf Verwirklichung verpflichtet.

Du sollst nicht falsches Zeugnis reden

Im achten Gebot geht es da­rum, das „Richtige zu sagen“. Es geht um Wahrhaftigkeit, die dem anderen nicht schadet, sondern guttut und gerecht wird. Damals in der Rechtsprechung unterm Stadttor; heute, in Europa wie in der Weltgesellschaft, überall da, wo man im Umgang mitei­nander angewiesen ist auf Kommunikation, auf Transparenz und auf entsprechendes Vertrauen. Es geht um Kommunikation. „Ohne Kommunikation gibt es keine Freiheit“, so Jünemann. Aktuelle Beispiele dafür gibt es genug: Weil es außerhalb der Grenzen nur Verräter gebe, ist für Nordkoreaner die Kommunikation ins Ausland verboten. Russland und China schränken die Kommunikation im Internet ein, in der Türkei sitzen etliche Journalisten in Haft, der amerikanische Präsident twittert ungeniert Lügen oder beschimpft die Presse. Eine Kommunikation, die Vertrauen verdient, wird man da kaum dem Zufall oder dem freien Spiel der Kräfte überlassen können: „Zur Kommunikation muss in Europa strukturell motiviert werden“, fordert die Theologin, durch „geeignete Orte und Zeiten, an denen und zu denen Fragen und Konflikte diskutiert werden, auf allen Ebenen, formell und informell“.

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