Freunde auf dem Pilgerweg

Werl-Wallfahrer aus Much finden in Sundern-Hagen stets eine Herberge

Hagen/Werl. Pilgergruppen aus Warstein, Olpe, Arpe, Delbrück, Lenhausen, dem Stift Hildesheim und aus Much kommen jedes Jahr zum Patronatsfest Mariä Heimsuchung nach Werl. Die Wallfahrer aus dem 35 Kilometer östlich von Köln gelegenen Much übernachten auf ihrem langen Weg in Drolshagen und in Sundern-Hagen.

von Matthias Nückel

Etwas ungeduldig warten schon die Menschen in Hagen am späten Freitagnachmittag, einige an der Straße, viele vor der Kirche. Die Mucher sind noch nicht in Sicht. „Wir haben einige neue Wege ausprobiert“, erläutert Stefan Höller. Das hat Zeit gekostet. „Wir versuchen, weg von den Hauptverkehrsstraßen zu kommen“, sagt der Brudermeister der Wallfahrt und betont: „Sicherheit geht vor.“

Im Dorf gibt es derweil Bewegung. Die Begleitfahrzeuge der Mucher Pilger treffen ein. Sie haben nicht nur das Gepäck geladen, sondern vor allem auch – bei den hohen Temperaturen – viel Wasser. „60 Kisten Mineralwasser und 100 Liter Wasser in Tanks haben wir vor dem Abmarsch in Much geladen“, berichtet Höller. Darüber hinaus dienen die Fahrzeuge dazu, eventuell Verletzte aufzunehmen und älteren Mitpilgern die Möglichkeit zu verschaffen, etwas Luft zu holen.

Kinder aus Hagen, die mit ihren Fahrrädern den Muchern entgegengeradelt sind, berichten eilig, dass der Pilgerzug auf dem Lenscheid angekommen ist. Der steile Aufstieg von Rönkhausen aus ist geschafft. Weil die Gruppe aber nicht – wie bisher üblich – die stark befahrene Landstraße nutzt, dauert es noch einmal eine knappe halbe Stunde, bis die Vorboten zu sehen sind – zwei Männer in Warnwesten. Sie sichern die Gruppe ab, denn die letzten 250 Meter geht es nun doch über die Hagener Hauptstraße.

Am Ortseingang werden die Mucher von Pater Nelson und einigen Ministranten herzlich begrüßt. Singend und unter feierlichem Glockengeläut setzt sich der Zug in Bewegung zur St.-Nikolaus-Kirche. Es ist ein wahrlich eindrucksvolles Bild, denn 143 Mucher haben sich auch in diesem Jahr wieder auf den Weg gemacht, um zur „Trösterin der Betrübten“ nach Werl zu ziehen. „Wir haben 24 Erstpilger, die Hälfte von ihnen ist sogar unter 20 Jahre“, berichtet Stefan Höller. Die Altersspanne reicht vom Mindestalter 16 bis Mitte 70 Jahre. Nach schlechteren Zeiten in den 1960er-und 1970er-Jahren hat sich die Zahl der Teilnehmer auf etwa 150 eingependelt. „Wir hatten auch schon mal 190“, meint der Brudermeister. Doch damit sei man logistisch an die Grenzen gestoßen.

Die Mucher Fußwallfahrt ist die kilometermäßig längste Wallfahrt zum größten Marienwallfahrtsort im Erzbistum Paderborn. Insgesamt legen die Pilger auf dem Hin- und Rückweg rund 260 Kilometer zurück. Die Wallfahrt der Menschen aus dem Rhein-Sieg-Kreis geht zurück auf das Jahr 1774. Damals soll in Much eine Viehseuche geherrscht haben. Die Bauern zogen nach Werl, um dort Salz zur Bekämpfung der Seuche zu holen. Sie besuchten auch das Gnadenbild und gelobten, jedes Jahr am Sonntag nach Mariä Heimsuchung nach Werl zu pilgern, wenn ihnen geholfen würde, so die Überlieferung. Bereits ein Jahr später zogen die Mucher in geschlossener Prozession nach Werl.

Das Alter der Wallfahrt von Much nach Werl wird durch mehrere Quellen belegt, wie Hartmut Benz im Buch „350 Jahre Marienwallfahrt Werl“ schreibt. Selbst Kriege und der Kulturkampf hinderten die Pilger nicht, zur „Trösterin der Betrübten“ zu ziehen. Der Weg ist fast immer derselbe geblieben. Lediglich durch den Bau der Listertalsperre und der Biggetalsperre musste er neu geführt werden.

Die lange Tradition der Wallfahrt hat dazu geführt, dass sich zwischen den Muchern und den Bewohnern der Orte, durch die sie kommen, eine besondere Beziehung entwickelt hat. Ganz speziell gilt dies für die Quartiergeber in Drolshagen, Werl und eben im beschaulichen Hagen.

Das wird auch in der Pfarrkirche sehr deutlich. Pater Nelson, der erst seit einem Jahr im Pastoralen Raum Sundern arbeitet, hat schnell eine Beziehung zu den Pilgern hergestellt. „Ich habe mein erstes Praktikum in Werl gemacht“, sagt der indische Geistliche, der im Welveraner Modell ausgebildet wurde. Deshalb weiß er um die Anziehungskraft des Werler Gnadenbildes.

Stefan Höller dankt den Ministranten und besonders Pater Nelson für die Begleitung auf dem letzten Wegstück im Dorf. „Was Sie hier in Deutsch­land für uns leisten, ist toll“, sagt er dem indischen Priester. „Es ist ein lebendiges Zeichen der Nächstenliebe, dass Sie ihre Heimat verlassen, um hier in der Seelsorge tätig zu sein“, erklärt der Brudermeister. Und dann gibt es ein ganz dickes Lob für Pater Nelson: „Sie haben uns schon empfangen wie ein echter Sauerländer Junge!“

Gemeinsam singen und beten die Mucher und die Hagener in der St.-Nikolaus-Kirche. Bevor die kurze Andacht mit dem sakramentalen Segen endet, sagt Pater Nelson: „Wir wollen Jesus Christus in unsere Mitte holen. Er gibt uns seinen Segen.“

Mit diesem Segen geht es nun zu den Gastfamilien. Die meisten der Pilger wissen, zu wem sie gehen müssen. „Manche Mucher übernachten schon seit Jahrzehnten in der gleichen Familie“, sagt die Hagener Pfarrgemeinderatsvorsitzende Maria Kaiser. „Die Quartiere werden zum Teil vererbt“, meint Stefan Höller schmunzelnd.

Seit den 1960er-Jahren, als gerade einmal 12 bis 15 Pilger aus dem Rhein-Sieg-Kreis den Weg durchs Sauerland zogen, ist die Herausforderung für das nur gut 800 Einwohner zählende Dorf ständig gewachsen. „Über 50 Familien nehmen in diesem Jahr Pilger auf“, berichtet Maria Kaiser und fügt hinzu: „In diesem Jahr haben wir fünf neue Gastgeber gefunden, vor allem junge Familien.“ Um die Organisation der Quartiere hat sich vor allem Pfarrgemeinderatsmitglied Margarete Hans-knecht gekümmert.

Die Mucher, die kein „ständiges Quartier“ in Hagen haben, werden in der Kirche aufgerufen und erfahren die Namen ihrer Gastgeber, die schon auf sie warten. Am Ende hat jeder seinen Platz für die Nacht gefunden – und für einen schönen Abend mit den Gastgebern ist gesorgt. Denn: „Das gemütliche Beisammensein ist nicht ein Anhängsel, sondern Teil der Wallfahrt“, wie Maria Kaiser betont.

Durch die so lange Tradition der Wallfahrt und des Zwischenstopps in Hagen sind nach den Worten von Stefan Höller „sehr intensive Freundschaften“ entstanden. Das bestätigt auch die Pfarrgemeinderatsvorsitzende. So mancher Hagener habe auch schon seine Pilgergäste in Much besucht.

„Freundschaften“ – das ist für Eva-Maria ein Grund, den langen Weg von Much nach Werl zu pilgern. Die 30-Jährige, die bereits zum fünften Mal dabei ist, nennt als weitere Motivation das gemeinsame Gebet und den Zusammenhalt der Pilger. Die Wallfahrt biete zudem die Möglichkeit, aus dem Alltag he­rauszukommen und Neues wahrzunehmen. Die ebenfalls 30-jährige Anne hebt die besondere Atmosphäre der Wallfahrt hervor. Hier könne man seine Gedanken ordnen und über viele Dinge nachdenken.

Das sind nur einige Gründe, warum auch heute so viele Menschen den langen Weg auf sich nehmen. Letztlich trägt jeder sein eigenes Päckchen zur Gottesmutter nach Werl.

Dort treffen die Pilger am Samstagnachmittag zur Eröffnungsandacht des Patronatsfestes der Wallfahrtsbasilika ein. Nach drei anstrengenden Tagen gibt es erst nach der Pilgermesse um 6.00 Uhr am Sonntagmorgen ein wenig Zeit zum Erholen. Denn am Montag geht es nach der heiligen Messe um 4.00 Uhr morgens wieder zurück auf den dreitägigen Marsch nach Much.

Weitere Fotos finden Sie in der Printausgabe des DOM Nr. 28 vom 15. Juli 2018

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