Geheiligt werde dein Name

Domreihe zum Vaterunser

Im zweiten Teil unserer Reihe zum Vaterunser geht es um die erste Bitte, die fromm, aber auch unkonkret klingt.

Im richtigen Leben heißen die beiden hoffentlich anders. Ihre Liebe zueinander drücken sie in Kosenamen aus. Foto: Rita Gäbel/pixelio

 

von Claudia Auffenberg

Man betet relativ schnell da­rüber hinweg, aber: Um wessen Namen geht es, wieso ist überhaupt von einem Namen die Rede, was bedeutet heiligen und wer soll das tun? Der Wortlaut des Gebetes formuliert es ja passiv: Geheiligt werde … Sollen das also die anderen mal schön tun?

Beginnen wir beim Namen. Für die Juden, also auch für Jesus, ist der Name Gottes unaussprechbar. Im Alten Testament ist er nur mit den vier Konsonanten überliefert: JHWH. Unklar ist bis heute, wie man dies korrekt ausspricht. Da nun aber über Gott und zu Gott gesprochen wird und er somit irgendwie ins Wort gebracht werden muss, nutzt die Bibel andere Begriffe. Häufig gebraucht werden „Adonaj“, zu deutsch mein Herr, oder noch häufiger „ha schem“, zu deutsch der Name. Mit „dein Name“ ist also Gott selbst gemeint. Geheiligt werde Gott.

Der Evangelist Matthäus, dessen Variante des Vaterun­sers in der Liturgie heute gebetet wird, könnte aber womöglich auch noch eine andere Bedeutung mitgedacht haben. Für ihn hat sich Gott in Jesus offenbart, das Wort Namen bezieht sich oft auf Jesus, der zum Beispiel die Formulierung „in meinem Namen“ verwendet. So hätte Matthäus womöglich nichts dagegen, wenn der Beter auch an Jesus denkt, dann aber könnten Juden nicht mitbeten. Der Text des Vaterunsers an sich gibt diese Deutung nicht her, wohl aber sein Umfeld, das Matthäusevangelium eben.

Was bedeutet nun die Formulierung „geheiligt“? Auch hier ist es wichtig, in die jüdische Gedankenwelt einzutauchen. Für Katholiken klingt es nach Erhebung zur Ehre der Altäre, also nach Herausnehmen aus dem Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Für Juden bedeutet heiligen, die Weisungen Gottes zu erfüllen, vielleicht müsste man besser sagen: Gott nachzuahmen, so gut es geht. Denn zuerst ist Gott selbst heilig und die Heiligung seine Sache. Er ist heilig, er heiligt sich und diese Welt und bedient sich gewissermaßen eines Volkes, das durch seine Erwählung heilig wird. „Geheiligt werde dein Name“ formuliert also die Bitte: Heilige dich, Gott.

Nun kann man fragen, wa­rum unsereins um so etwas bitten sollte, aber im Grunde wird hier ein Bekenntnis ausgesprochen, das für den, der es spricht, nicht ohne Folgen bleiben kann. Wer sich zur Heiligkeit Gottes bekennt, wer sie erbittet, der muss geradezu zwingend die Heiligung anderer Dinge, denen sich Menschen unterworfen haben, ablehnen. Um es mit einem Wort des Matthäusevangeliums zu sagen: Ihr könnt nicht beidem dienen, Gott und dem Mammon.

Die erste Bitte des Vaterun­sers ist also fromm, aber ganz sicher nicht unkonkret, sondern im Gegenteil radikal, konkret und politisch. Es geht um das, was Gott mit dieser Welt, und das heißt: mit der Schöpfung, mit den Menschen, mit jedem einzelnen Menschen, vorhat. Es geht darum, dass die gesamte Schöpfung mit Gott in Beziehung steht.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel