Glocken für den Krieg missbraucht

Balver erforschten die Geschichte des Geläutes von St. Blasius

Foto oben: dimitrisvetsikas1969
kleines Foto: Berichteten über die Geschichte der Balver Glocken (v. l.): Pfarrer Andreas Schulte, Pfarrarchivar ­Rudolf Rath und Heimatforscher Dr. Rudolf Tillmann. Foto: Kolossa

 

Balve. Geschichte wiederholt sich: Gleich zwei Mal wurde die Balver Pfarrgemeinde St. Blasius verpflichtet, die Glocken der St.-Blasius-Kirche für die Waffenproduktion einschmelzen zu lassen –im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Während die Gemeinde für die im Jahr 1917 abgelieferten drei Glocken mit einem Gesamtgewicht von 659 Kilogramm noch mit 3 000 Reichsmark entschädigt wurde, bekam sie nach der Demontage der dafür neu angeschafften Glocken im Jahr 1942 allerdings nichts.

von Julius Kolossa

All dies förderten die Heimatforscher Dr. Rudolf Tillmann und Rudolf Rath zu Tage. Beide stehen seit vielen Jahren in ständigem Austausch über weltliche Angelegenheiten, für die, der in der Grübeck aufgewachsene Dr. Rudolf Tillmann zuständig ist. Für die Themen mit kirchlichem Hintergrund ist der Balver Rudolf Rath mit dem Pfarrarchiv das entsprechende Pendant.

Auf die Geschichte der Glocken von Balve stieß zunächst Dr. Tillmann, der in seiner Eisborner Heimatkirche einen Hinweis auf für Kriegswaffen eingeschmolzene Glocken entdeckte. Dabei stand für den Geschichtsinteressierten schon fest, dass diese damals sogenannte „Metallabgabe“, kein Einzelfall war. Aber er wollte wissen, in welchem Ausmaß die Pfarrkirche St. Blasius als größtes Gotteshaus im Stadtgebiet davon betroffen war. Zusammen mit Rudolf Rath wurden im Pfarrarchiv jahrzehntealte Dokumente unter die Lupe genommen; das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Fünf Glocken, von der mit 1130 Kilogramm schwersten Toten- oder Johannesglocke bis zu der mit 140 Kilogramm leichtesten Uhr- oder St.-Anna-Glocke, mussten 1942 aus Balve weichen.

Aber vorher wurde noch einmal das Glockengeläut aufgenommen und auf Schallplatten mit Schellack- und Kunststoffgemisch gepresst. „Leider können wir es heute nicht mehr hören“, hält Rudolf Rath zwar die wertvollen Stücke noch in den Händen, weiß aber, dass sich deren Zustand nicht mehr für eine Wiedergabe eignen würden. Dafür möchte aber das Diözesanarchiv in Paderborn sorgen, berichtete er über ein demnächst anstehendes neues Projekt.

Von den Glocken jedenfalls, die insgesamt 2945 Kilogramm auf die Waage brachten, fehlte bis zum Kriegsende jede Spur. Dr. Tillmann aber wusste, dass Glockenfriedhöfe in Bochum und auch in Arnsberg angelegt worden waren, sodass sich die dortige Suche in drei Fällen als erfolgreich erwies. Die Toten-
glocke, die Feuerglocke und die Uhrglocke kehrten wieder nach Balve zurück. Nicht mehr aufzufinden waren dagegen die Kriegergedächtnisglocke und die Marienglocke.

Die Pfarrgemeinde entschloss sich letztlich dazu, fünf neue Glocken von der Gießerei Humpert in Brilon gießen zu lassen. Die St. Blasius-Glocke, die Marienglocke, die St.-Nikolaus-Glocke, die St.-Barbara-Glocke und eine namenlose Glocke für das Uhrwerk. Die Weihe der Glocken fand am Palmsonntag, 14. April 1946, statt, das erste Läuten war am Karsamstag, 20. April 1946.

Viele Fragen haben die beiden Forscher als Ermittlerteam beantworten können, doch gerne möchten sie wissen, was mit anderen Kirchenglocken im Pastoralverbund geschehen ist. Rudolf Rath: „Wir wollen dabei das Wissen aller, die etwas über diese Zeit sagen können, mit einbeziehen.“ Deshalb kann sich jeder Inte­ressierte melden unter:
archiv-st.blasius@pv-balve-­hoennetal.de und unter:
tillmann.rudolf@googlemail.com

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