„Gott braucht uns“

Das Vaterunser aus jüdischer Sicht

Zum Abschluss der Reihe über das Vaterunser sprach Claudia Auffenberg mit der Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck. Sie wurde 2004 ordiniert und ist Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft „Egalitärer Minjan“ in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. Seit 2016 lehrt sie an der Universität Paderborn am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) das Fach Jüdische Studien.

Rabbinerin Elisa Klapheck. Foto: Rafael Herlich

 

Frau Rabbinerin Klapheck, beten Sie das Vaterunser?

In dieser Form nicht, denn es ist das Gebet des christlichen Gottesdienstes. Aber die Elemente, die darin vorkommen, sind aus der jüdischen Liturgie.

Sie könnten es also beten?

Ja, es spricht nichts dagegen. Das Vaterunser ist zum einen eine Kurzform unseres jüdischen 18-Fürbitten-Gebetes, zum anderen greift es auf den Kaddisch zurück. Das 18-Fürbitten-Gebet enthält die Bitten, der Kaddisch die Art der Ansprache Gottes. Das Vaterunser ist eine Mischung aus beiden. Von daher ist es sehr gut geeignet, die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens aufzuzeigen.

Nun plagen wir uns in der katholischen Kirche ja gerade mit der Formulierung: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Können Sie diese Diskussion nachempfinden?

In einem unserer Gebete heißt es: Gelobt seist du Gott, König der Welt, und dann: Bringe uns nicht zur Sünde, bringe uns nicht in Versuchung und nicht zur Schande. Lass den bösen Trieb nicht über uns herrschen, halte uns fern von bösen Menschen und von bösen Freunden. Lass uns dem guten Trieb folgen und Gutes tun.“ Da ist also auch von einer Aktivität Gottes die Rede.

Ist es also Gott, der uns in Versuchung führt?

Ich kann mit diesem Gebet sehr gut leben, denn in meiner Vorstellung ist Gott nicht nur gut. Er ist mehr. Dass wir von Gott nur Gutes erhalten, ist ein frommer, menschlicher Wunsch. Aber als Kind einer Holocaustüberlebenden komme ich damit nicht zurecht: Woher kommt denn das ganze Böse in der Welt? Das muss doch irgendwo seinen Ursprung in der Schöpfung, in Gott selbst haben. Es gibt Gewalten in der Welt, die vielleicht von Gott her gesehen ihren Sinn haben, aber von den Menschen nur als böse empfunden werden können.

Und was lässt Sie trotzdem bei Gott bleiben?

Das ist der jüdische Blick auf Gott, dass wir Gott beeinflussen können, dass wir in unserer Beziehung zu Gott das Gute stärken können. Es hängt von uns Menschen ab. Wir können durch richtigen Gottesdienst, durch die richtige Anschauung, die Nähe und Aktivität auf Gott einwirken, ihn bewegen, sodass in den Gewalten, die von ihm her kommen, das Gute zum Tragen kommt. Gott braucht uns als Partner, Gott braucht die Beziehung zum Menschen. Das ist ein tiefer jüdischer Gedanke.

Der wahrscheinlich auch Jesus bewegt hat?

Ganz bestimmt. Der Jesus, so wie er im Neuen Testament beschrieben wird, denkt so. Es geht eben darum: Lass uns dem guten Trieb folgen. Von Gott geht die Kraft aus, aber wir sind an ihrer Gestaltung mitbeteiligt.

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