Gott und die Wirklichkeit

Von heiligen und profanen Orten

„Wenn wir die Kirchengebäude verlassen, gehen wir nicht in den dunklen Alltag“, so entließ Haslinger seine Zuhörer. Foto: Norbert Sickermann / pixelio

 

von Claudia Auffenberg

Im kommenden Jahr feiert der Hohe Dom zu Paderborn Jubiläum, 950 Jahre wird es dann her sein, dass zum vierten Mal über dem Grab des heiligen Liborius ein Dom geweiht werden konnte. Dieses Jubiläum nimmt die Theologische Fakultät derzeit zum Anlass, ihre Montagsakademie, eine Vorlesungsreihe für das inte­ressierte Volk Gottes, dem Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“ zu widmen. Die Kirchenzeitung Der DOM, hat bereits mehrfach berichtet. Für ein volles Haus sorgte nun der Paderborner Pastoraltheologe Prof. Herbert Haslinger mit dem etwas quergelegten Thema seiner Vorlesung: „Der Alltag als Ort der Gotteserfahrung?“

Heilige Orte braucht der Mensch wohl deswegen, weil es auch unheilige Orte gibt oder jedenfalls Orte, die er als nicht heilig erlebt. Das war in der kirchlichen Verkündigung lange der Alltag, das normale Leben des Menschen während der Woche: geprägt von Mühsal, Banalität und Tristesse; kein Ort für das Mächtige, das Außerordentliche, das Heilige. Dies hatte seinen Ort in der Kirche. Im 19. Jahrhundert verschärfte sich die Trennung zwischen Kirche und Welt, das Leben da draußen wurde aus kirchlicher Sicht zur bösen Welt, in der Gefahr lauerte, die Kirche dagegen zum Hort der Sicherheit und der Heiligung.

Diese Unterscheidung prägt bis heute, obwohl es längst eine andere Sicht des Alltags gibt. Der Alltag ist der Ort des Lebens und zwar des ganzen Lebens: Beziehungen, Konflikte, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Finden und Verlieren, Sinnfindung und Sinnlosigkeit usw. – die ganze Wirklichkeit kommt im Alltag vor. Dort lebt der Mensch und dort erfährt er sich. Apropos erfahren. Was sind eigentlich Erfahrungen? Wenn gleich noch von Gotteserfahrungen die Rede sein soll, müsste man das ja auch kurz klären. Aber: Das ist eine tückische Angelegenheit, weil Erfahrungen höchst subjektiv sind. Man könnte es ungefähr so formulieren: Erfahrungen sind eine Art gefilterte Wirklichkeit. Das Pro­blem: Jeder Mensch filtert aufgrund eigener Fähigkeiten und Lebensgeschichte ein bisschen anders. An dieser Stelle ist man nun schon etwas verwirrt, aber Prof. Haslinger setzt noch eins drauf und sagt: „Erstens: Es gibt keine Gotteserfahrung. Zweitens: Wir können keine Gotteserfahrung machen. Drittens: ,Gotteserfahrung‘ muss so gedacht werden, dass sie dem Wesen Gottes als dem Unendlichen gerecht wird.“ Der Mensch nämlich, so Haslinger in Anlehnung an Karl Rahner, sei in der Lage, über sich hinauszudenken, er sei fähig zur Selbstreflexion und zur Transzendenz, er habe eine Ahnung vom Unendlichen. Und da kommt Gott ins Spiel. „Wo der Mensch sich auf das Unendliche zubewegt, hat er es mit dem Unendlichen zu tun.“ Oder anders formuliert: „Wo der Mensch sich selbst erfährt, da erfährt er Gott.“ Also auch im Alltag.

Da nun natürlich die Frage im Raum stand, ob Haslinger soeben für die Abschaffung der Kirchen und ihrer Liturgien plädiert habe, beantwortete er dies gleich selbst: Kirchen und Liturgien seien wichtig, sagte er. Der Maßstab aber sei dieser: „Sind die besonderen Orte und Zeiten von einer Art, dass sie Menschen befähigen, ihr Leben wahrzunehmen und gestalten zu können?“ Manche Gottesdienste seien dies nicht unbedingt, sagte er. „Gottesdienste dürfen keine Events werden, denn Events werden für die Veranstalter gemacht, nicht für die Teilnehmer.“

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