„Heute hältst du noch durch“

Suizid ist das Thema der „Woche für das Leben“ 2019. Was bedeutet ein Suizid für die Angehörigen?

Foto: Frank Treichler / pixelio; Foto Maira Stork: Flüter

 

Vor vier Jahren starb die Mutter von Maira Stork (kl. Foto) durch einen Suizid. Maira Stork schrieb danach ein Buch, einen Wegweiser für andere Menschen, die den Suizid eines Angehörigen erlebt haben. Sie verarbeitete damit ihre Trauer und überstand auch deshalb die schwere Krise, in die sie nach dem Tod ihrer Mutter gefallen war. Im Gespräch mit Karl-Martin Flüter beschreibt Maira Stork, wie sie es schaffte, zurück ins Leben zu kommen.

Sie haben sich in Ihrem Buch selbst die Frage gestellt: Darf man über einen Suizid sprechen?

Ja. Wenn aus dem Suizid ein Verbotsthema gemacht wird, wird man dem Verstorbenen nicht gerecht. Wenn man da­rüber schweigt, entstehen im schlimmsten Fall Gerüchte. Wenn die Hinterbliebenen nie ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken, verdrängen sie das Geschehene und verarbeiten es nicht. Es ist wichtig, dass es in der Öffentlichkeit selbstverständlicher wird, über den Suizid zu reden. Suizid sollte kein Tabuthema sein.

Haben Sie selbst erlebt, dass sich Menschen von Ihnen zurückgezogen haben?

Nicht so häufig, aber ich habe schon gemerkt, dass einige Freunde und Bekannte Abstand hielten.

Können Sie sich vorstellen, warum das geschehen ist?

Ich weiß nicht, ob das aus der Angst geschieht, man könne den Betroffenen damit belasten. Das wäre natürlich falsch. Uns muss niemand an das erinnern, was geschehen ist. Wir denken sowieso jeden Tag daran.

Ich habe bewusst den Kontakt zu Menschen gesucht, die das Gleiche durchgemacht haben wie ich. Mit denen konnte ich wirklich persönliche Gespräche führen, weil wir wussten, worüber wir reden.

Was wissen Menschen, die das nicht erlebt haben, nicht?

Vor allem fehlt das Wissen über die Gründe für Suizide. Man interpretiert den Suizid als eine Entscheidung des Verstorbenen. Dabei war dieser Mensch psychisch schwer krank. Meine Mutter litt unter Depressionen. Sie war genau so krank wie jemand, der Krebs hat. Das hat sich nur anders ausgewirkt.

Sie haben gesagt, wenn man nicht über den Suizid spricht, wird man seine Gedanken und Gefühle darüber nicht los. Welche Gedanken und Gefühle sind das?

Nach dem Schock überwiegt der Wunsch, das alles nicht wahrhaben zu wollen. Ich habe monatelang geträumt, dass meine Mutter wieder da ist und ich sie von dem abhalten muss, was tatsächlich passiert ist. Ich konnte nicht akzeptieren, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was geschehen ist. Dass ich nichts mehr ändern kann.

Dann kamen die Gefühle der Schuld. Ich habe ganz viele Anhaltspunkte gesucht, warum ich am Tod meiner Mutter schuld bin. Das setzt endlose Selbstvorwürfe in Gang.

Ich habe so viele Gründe entdeckt, warum ich schuld bin. Meinem Stiefvater ist es genau so ergangen. Auch er war überzeugt, dass er schuld war. Immer, wenn wir miteinander gesprochen haben, konnten wir uns gegenseitig erklären, warum der andere Unrecht hat. Das hat uns beiden sehr geholfen.

Was kam nach den Schuldgefühlen?

Ich war lange sehr wütend auf meine Mutter. Ich habe auch den Fehler gemacht, ihren Sui­zid als ihre Entscheidung zu sehen: Sie ist gegangen. Sie hat mich alleine gelassen. Das war nicht so. Meine Mutter war schwer krank.

Ich verlor das Vertrauen in die Menschen. Meine Mutter war eben der Mensch, dem ich am meisten vertraut hatte. Die wichtigste Person in meinem Leben, meine beste Freundin und engste Vertraute. Wenn dieser Mensch mich einfach so alleine lassen kann, dann kann das auch jeder andere Mensch mit mir machen. Es ist mir lange Zeit schwergefallen, mich Menschen neu anzuvertrauen.

Haben Sie sich gefragt, ob die Entscheidung ihrer Mutter, Suizid zu begehen, Ihnen hätte auffallen können?

Ja. Auch dieses Gefühl gehörte dazu. Aber es ist so, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, gerade dann einen Suizid begehen, wenn es ihnen besser geht und sie wieder Kraft haben. Das war auch bei uns so. Meine Mutter fühlte sich wieder besser, aber wir anderen wussten nicht, dass wir in dieser Situation besonders aufpassen mussten. Es ging mit ihr bergauf und wir waren alle total erleichtert. Für uns war das ein Zeichen, dass die Therapie anschlägt. Doch sie nutzte diese Kraft für ihren Suizid.

Sie haben auch über Glauben geschrieben – als Anker in Ihrer verzweifelten Situation.

Ich hatte vorher einen tiefen Glauben daran, dass alles, was passiert, aus einem bestimmten Grund geschieht und richtig ist. Dann ist meine Mutter gestorben und ich habe alles infrage gestellt. Was soll mir der Glaube bringen? Das kann einfach nur falsch sein.

Heute bin ich absolut wieder bei meinem Glauben, meinem Vertrauen in das Schicksal, auch weil so viele gute Dinge nach dem Tod meiner Mutter geschehen sind.

Was hat sich positiv verändert?

Ich bin selbstsicherer geworden. Ich habe immer gedacht, das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn ich meine Mutter verliere. Das war schon immer meine größte Angst. Jetzt ist es vier Jahre später, mir geht es mittlerweile gut – auch wenn es immer noch schlimme Phasen gibt. Manchmal denke ich, wenn ich das überstanden habe, dann kann ich alles andere auch überstehen. Ich glaube, ich habe weniger Angst. Und ich achte mehr auf mich. Ich suche frühzeitig Hilfe, wenn etwas nicht stimmt.

Man könnte glauben, Sie hätten Probleme gehabt, diese Fortschritte zu akzeptieren.

Wir haben etwas unglaublich Schlimmes erlebt. Meine Mutter wird mir mein Leben lang fehlen. Wenn ich mich davor verschließen würde, dass da­raus auch positive Entwicklungen entstanden sind, dann hätte alles noch weniger Sinn. Aber es musste Zeit vergehen, bei mir ein Jahr, vielleicht sogar zwei, bis ich mich wieder für positive Dinge öffnen konnte.

Ihr Buch nennt sich im Untertitel „Wegweiser nach dem Suizid eines Angehörigen“. Tatsächlich handelt es sich um einen praktischen Ratgeber, der sogar Vorlagen für Trauerkarten enthält. Sie haben das Buch allein geschrieben und es selbst gestaltet. War das ein Versuch, Ihre Trauer zu verarbeiten?

Ja. Ich habe Medienproduktion studiert. Als meine Mutter gestorben ist, kam ich gerade in das zweite Semester. Ich habe jedes Projekt an der Hochschule dafür genutzt, um mich mit dem Suizid meiner Mutter auseinanderzusetzen: Filme, Arbeiten zu dem Thema überhäuft.

Ich bin einfach ein Medienmensch und kann mich auf dieser Ebene gut ausdrücken. Das hat mir am meisten geholfen.

Unverzichtbar war auch die Begleitung und Beratung von Menschen wie die Trauerbegleiterin Lydia Willemsen, die im Caritasverband Paderborn arbeitet. Lydia Willemsen war über eine lange Zeit und ist noch heute eine unglaublich wichtige Gesprächspartnerin für mich.

Wenn Sie zurückblicken: Wie kommt Ihnen die Zeit nach dem Tod Ihrer Mutter heute vor?

Ich habe lange Zeit nur überlebt, aber nicht gelebt. Ich kann mich kaum an die ersten Wochen und Monate danach erinnern. Die sind einfach an mir vorbeigerauscht. Ich war wie in Watte gepackt.

Und ich fühlte mich von allem abgeschnitten, als wäre ich unter einer Glaskuppel. Ich habe nur gegessen, wenn man mir etwas vorgesetzt hat.

In den ersten Tagen danach hat die Organisation der Trauerfeier vieles erleichtert. Das hat mich beschäftigt. Ganz schlimm fand ich es, zu Hause und alleine zu sein.

Abends war es schlimm, einzuschlafen, morgens war es schlimm, aufzustehen. Was ich unglaublich schön fand, dass viele Menschen zu Besuch gekommen sind. Es war eigentlich immer jemand da, das war gut.

Sie schreiben in Ihrem Buch von einem starken „Nachsterbewunsch“, der sie ergriffen hatte. Konnten Sie darüber mit jemandem in Ihrem Bekanntenkreis sprechen?

Ich glaube, meine Familie hat das befürchtet. Aber angesprochen, nein, das hat sich niemand getraut. Es war alles so schwer, es tat so weh, psychisch und körperlich. Ich hatte monatelang Rückenschmerzen. Dieses Gefühl, dass es daraus in der letzten Konsequenz einen Ausweg geben könnte, hat mir Stärke gegeben. Das war mein Notfallplan.

Andererseits wollte ich das keinem Menschen antun, nachdem was ich selbst erlebt hatte. Ich habe mir deshalb jeden Tag neu gesagt: Heute hältst du noch durch.

Wie haben sie den 19. April in diesem Jahr erlebt?

Ich war mit meinem Freund in London. Am Mittag erhielt ich eine Nachricht von einer Freundin meiner Mutter, die schrieb: „Vier Jahre schon.“ Erst da realisierte ich, dass es Mamas Todestag war und ich zum ersten Mal nicht daran gedacht hatte.

Ich glaube, das ist okay. Ich denke fast jeden Tag an meine Mutter, aber mein Leben geht weiter. Das darf und muss so sein.

Hier geht es zum Buch von Maira Stork auf der Seite des Bonifatius-Verlages

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