„Ich bin – das Brot des Lebens“

Gedanken zu Joh 6,41-51

Zum Autor: „Ich bin das Brot des Lebens“ – göttlicher Anspruch im alltäglichen Bild. Foto: manun/photocase

 

Jesus offenbart seine Göttlichkeit in dem An- und Ausspruch: „Ich bin“.

von Wolfgang Thönissen

Jesus ist am See von Tiberias unterwegs. Viele begleiten ihn. Er heilt Kranke, er treibt Dämonen aus, er verkündet den Glauben. Viele Menschen waren gekommen, um ihn zu hören. Sie hatten aber nichts zu essen. Er gab ihnen zu essen, Brot und Fische. Als Sturm aufkam, geht er seinen Jüngern auf dem Wasser entgegen und spricht ihnen Mut zu. Suchen die Menschen nach ihm, weil er ihnen dieses Zeichen gegeben hat? Doch seine Worte rufen bei den Menschen Unverständnis hervor. Sie kennen ihn. Warum redet er so: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Ist das nicht Gotteslästerung? Zwar hat Jesus ihnen Brot gegeben, aber ist er selbst das Brot, das ewige Brot? Sie murren, sie glauben ihm nicht.

Die Menschen glauben nicht an seine himmlische Herkunft. Sie wissen, woher er kommt. Er ist der Sohn des Josef. Jesus dagegen weist sie zurecht: „Murrt nicht.“ Er mahnt sie. Er fordert sie auf, auf Gott zu hören. Sie sollen sich belehren lassen, wie es im jüdischen Volk üblich ist. Wer auf Gott, den Vater, hört und sich belehren lässt, der kommt auch zum Vater. Wer so glaubt, hat ewiges Leben. Das wissen die Juden. Hat Gott das Volk auf seiner Wanderung durch die Wüste nicht auch gespeist? An diesen Glauben des Volkes Israel erinnert Jesus seine Zuhörer. Daran sollen sie sich halten.

Doch mehr noch, Jesus lässt sie jetzt wissen: „Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Eine ungeheuerliche Aussage, diese sogenannte Brotrede. Wer von diesem Brot isst, der hat ewiges Leben. Das Brot steigt selbst vom Himmel herab. Woher nimmt Jesus diesen hohen Anspruch? Der Evangelist Johannes gibt uns hier eine starke Auskunft: Jesus ist das Brot des Lebens in Person. In diesem „Ich bin“ ist der göttliche Anspruch in Jesus da. Johannes benutzt eine Formel aus dem Alten Testament: „Ich bin Jahwe“. Oft lesen wir es dort: „Ich bin der Herr, dein Gott!“ Jetzt wendet der Evangelist diese Formel auf Jesus selbst an. Es ist eine alttestamentliche Offenbarungsformel. Für jüdische Ohren klingt das ungewohnt und unerhört: Aber Jesus ist doch nicht Gott, das ist nicht gemeint, er ist vielmehr Gottes Offenbarer, er ist sein Gesandter. In ihm kommt Gott zur Sprache, in einem Bildwort, im Wort vom Brot. Damit wird klar: Gott ist da, im Wort vom Brot. Das Brot, das dem Lebenserhalt dient, ist nun eines, das den Tod überwindet. Im Brot liegt das ganze Heil. „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“

Damit gibt der Evangelist Johannes uns noch einen weiteren wichtigen Hinweis. Dieses Brot ist „mein Fleisch“. Und jetzt ist klar, was gemeint ist: Das Fleisch Jesu wird in der Eucharistie dargeboten und empfangen. In der Eucharistie geht es um Leben und Tod, um das ewige Leben, das uns Jesus selbst in seinem Fleisch und Blut darbietet. Wer davon isst, wird nicht mehr sterben. Wir haben mächtige Bilder und Symbole wahrgenommen, die uns das Alte Testament anbietet. Aber es sind mehr als solche Bildworte und Symbole, es ist der Fleisch gewordene Sohn des Vaters selbst, der sich uns in der Eucharistie darbietet. Das ist Jesu Lehre an das Volk, das ihn bis nach Kafarnaum begleitet hat. Gott in ihm, der Vater jetzt und hier, in der Eucharistie offenbar. Wer glaubt und dieses Brot empfängt, kommt zum Vater. Solche Worte erregen Anstoß, nicht nur damals.

Dr. Wolfgang Thönissen ist Professor für Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und Leitender Direktor des Johann-­Adam-Möhler-Institutes für Ökumenik im Erzbistum Paderborn.

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