Jesu Kritik – auch heute aktuell!

Gedanken zu Mk 7,1-8.14-15.21-23

Um was geht es bei der Religion - um Buchstaben und ihre korrekte Anordnung? Foto: David Dieschburg / photocase

 

Jesus relativiert auch heute jeden absoluten Anspruch von „Gesetz und Ordnung“.

von Burkhard Neumann

Warum berichtet Markus eigentlich von den Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern? Nur aus historischem Interesse, um zu erklären, wieso es zur Verurteilung Jesu und seiner Hinrichtung am Kreuz kam? Abgesehen davon, dass diese Auseinandersetzungen, wie man heute weiß, bei Weitem kein historisch korrektes Bild der Pharisäer abgeben, könnte man diese Berichte dadurch wunderbar entschärfen, weil man diese Auseinandersetzung doch längst hinter sich gelassen habe.

Aber so einfach geht es gerade nicht. Wenn Markus und die anderen Evangelisten davon berichten, dann geht es immer auch darum, in aller Deutlichkeit Gefahren oder Fehlformen des Glaubens zu benennen, die für die Christen zu allen Zeiten genauso bedrohlich sind, wie sie es damals für die Frommen zurzeit Jesu waren. Gefahren, die da­rum immer wieder an den Worten und dem Handeln Jesu gemessen werden müssen.

Denn dass das Christsein viel zu sehr an der Erfüllung des äußeren Buchstabens gemessen wird, diese Gefahr gab und gibt es immer wieder. Ich denke nur an den Umgang mit dem Nüchternheitsgebot vor dem Empfang der Eucharistie. Wenn eine Lehrerin (und das ist nicht erfunden!) im Winter die Kinder ermahnte, bei Schneetreiben den Mund geschlossen zu halten, weil man sonst eine Schneeflocke verschlucken könnte und dann nicht mehr nüchtern wäre, dann klingt das aus heutiger Sicht nur noch skurril oder lustig. Aber es war ernst gemeint und wer weiß, wie vielen Kindern es Angst vor Gott eingejagt hat.

Und wenn man manche aktuellen Debatten in unserer Kirche ansieht, dann muss man sich doch auch fragen, ob sich hier nicht die damaligen Auseinandersetzungen wiederholen. Wenn etwa das wortwörtliche Festhalten an Normen des Kirchenrechtes oder Vorschriften der Liturgie wichtiger wird als die Beurteilung nach dem Inneren, dem Herzen des Menschen, aus dem – nach den Worten Jesu – Gutes und Böses hervorgehen, dann kann doch etwas mit dem Glauben nicht stimmen. Dann trifft die Kritik Jesu heute noch genauso zu wie damals und dann wird sie auch genauso unbequem und lästig wie damals.

Die Auseinandersetzungen Jesu mit den Kritikern seiner Zeit zeigen immer wieder, dass das Neue Testament selber die schärfste und deutlichste Kritik an den Fehlformen des Glaubens, konkret: unseres Glaubens, übt; eine Kritik, der wir uns alle aber gern entziehen, weil sie natürlich äußerst unbequem ist. Es ist schon eine ganze Weile her, dass es ein deutscher Weihbischof bei einer Bischofssynode in Rom gewagt hat, in Form einer Frage Worte aus einer anderen Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern auf die Kirche und ihren gegenwärtigen Umgang mit den Menschen zu beziehen. Dass er dann ausgerechnet dafür kritisiert wurde, finde ich bis heute ebenso peinlich wie entlarvend. Denn es zeigt, dass wir als Kirche doch keineswegs besser sind als jene Frommen, die Jesus damals kritisiert hat. Es zeigt damit aber auch, dass die Worte Jesu eine Herausforderung und eine bleibende Kritik für uns und unseren Glauben darstellen. Und glücklicherweise können wir dieser Kritik nicht ausweichen, solange diese Worte im Neuen Testament stehen und sie in den Gottesdiensten unserer Kirche vorgelesen werden. Und das ist auch gut so.

Zum Autor:

PD Dr. Burkhard Neumann ist ­Direktor am Johann-Adam-Möhler-­Institut für Ökumenik in Paderborn.

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