„Kehrt um!“

Gedanken zu Lk 3,15-16.21-22

Für alle sichtbar in Gestalt einer Taube kommt nach den Worten des Lukas-Evangeliums der Heilige Geist auf Jesus herab. Foto: picture-alliance

 

Wer sich in der Taufe für den Weg Jesu entschieden hat, steht unter dem Ruf zur ständigen Umkehr.

Beinahe blank noch liegt das neue Jahr 2016 vor uns. Haben auch Sie sich etwas dafür vorgenommen? Mit dem heutigen Sonntag beginnt nach dem Weihnachtsfestkreis sozusagen der Alltag wieder. Für die Kinder sind die Ferien auch nach der Schonfrist eindeutig vorbei und viele Familien bauen zum Fest der „Taufe des Herrn“ endgültig Weihnachtsbaum und Krippe wieder ab und bis nächstes Jahr in den Keller. Also „tschüss“ mit Weihnachten!

Und vor uns liegt der ganz normale Alltagswahnsinn. Nichts ist besser geworden an den Weihnachtstagen trotz aller Sehnsucht nach Harmonie und Frieden. Die Auseinandersetzungen in Welt und Familie sind nach wie vor da, die Sorgen um Zukunft und Liebste… sie sind nicht verschwunden durch den Gesang der Engel. Die „Stille Nacht“ ist laut und schlaflos wie zuvor.

Kehrt um!“ – Dies steht gar nicht im heutigen Evangelium und doch ist dieser Ausruf des Täufers Johannes quasi sein Erkennungszeichen, das „mitgemeint“ ist. Es lohnt sich, mit diesem „Kehrt um!“ im Kopf noch einmal genauer hinzuschauen. „Das ganze Volk ist in Erwartung“ steht da.

„Erwartung“ – gehört das nicht eigentlich in den Advent? Erwartung auf den Erlöser, den Friedensstifter, den Messias? Erwartung auf etwas, auf jemanden, der kommen soll. „Erwartung“ – das Stichwort passt aber auch zum Beginn des neuen Jahres. Worauf warte ich, erwarte ich etwas? Oder gehe ich gleich wieder über ins tägliche Einerlei?

Es ist so leicht, der Versuchung zu erliegen, der auch „das ganze Volk“ in unserer Erzählung erliegt: Ich erwarte am besten, was ich kenne. Den Alltag, ein kleines bisschen anders, ein kleines bisschen besser vielleicht. Ist vielleicht Johannes der Erwartete? Er hat sich bereits bewährt, die Menschen fühlen sich von ihm angezogen.

„Aber nein!“ sagt Johannes mit seinem „Kehrt um“. Ihr dürft, ihr müsst viel größer denken. Ich bin nur ein kleines Licht, ich taufe nur mit Wasser. Der Erwartete wird mit Feuer und mit Heiligem Geist taufen. Er verweist über sich hinaus.

Auf mich und mein Jahr geblickt: Kann ich das? Über mich selber und meinen Alltag hinaus sehen? Über mich selbst hinaus verweisen, das Heil nicht nur bei mir und meinen Möglichkeiten suchen? Wäre das nicht ein Auftrag, ein Vorsatz für das neue Jahr?

Und der Erwartete kommt. Er kommt nicht mit großem Brausen. Er fährt nicht „mit der Kutsche vor“. Er hat den Heiligen Geist nicht mit Sturm und Feuerbrausen im Gepäck. Jesus bleibt seiner Linie treu, der Geburtslinie mit „Stallgeruch“.

Viel irritierender noch: Anstatt direkt selbst zu taufen, sich als Sohn Gottes zu erweisen, reiht er sich in die Menge der Sünder ein. Jesus, der doch von Beginn an ohne Sünde ist! Was tut er? Er steigt hinab, er lässt sich reinigen, er wird neu beginnen. „Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen.“

Er nimmt das „Kehrt um!“ von Johannes ernst, er bestätigt die Linie. Nur wer umkehrt, sich umorientiert auch in seinem alltäglichen Tun, kann sich als Getaufter erweisen. Nur wer seine eigenen Grenzen, seine Begrenztheit und Schuld anerkennt und bereit ist, die eigenen Tiefen zu erkunden, kann seiner Berufung durch die Taufe folgen. Es hilft nichts, sich selbst zu verleugnen, Idealen hinterherzulaufen, die man nicht erreichen kann. „Kehrt um!“ meint auch: mit den eigenen Beschränktheiten leben.

Und nur weil Jesus diesen Weg durch die Tiefe, den Weg über das „Unten“ nimmt, kommt die göttliche Bestätigung: Der Himmel öffnet sich. Gott offenbart sich im Menschen. Der Heilige Geist wird im Bild der sanften Taube gezeigt - nicht in dem der Feuersbrunst. Von Liebe ist die Rede: „Dies ist mein geliebter Sohn…“
Wenn Jesus sich in das „ganze Volk“ einreiht, so gilt auch uns in seiner Nachfolge: Wir sind von Gott geliebt. Auch an uns findet Gott Gefallen. Die Taufe ist uns geschenkte Zusage zur ständigen Erneuerung. Wie könnte ich anders, als in diesem Bewusstsein zu versuchen, angstfrei zu leben? Das meint „Kehrt um!“. Wendet den Blick von den Begrenztheiten hin zu den Möglichkeiten! Gottes liebender Blick begleitet und ermöglicht uns. In diesem Sinne erneuern wir unsere Taufe und zwar in den kleinen Momenten unseres Alltags.

Michaela Labudda

Die Autorin ist Gemeindereferentin im Pastoralverbund Unna und Bundesvorsitzende des Gemeindereferent/innen-Bundesverbands.

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