Lange Entfremdung

Ein Kommentar von Matthias Nückel

Die gute Nachricht in dieser Woche lautet: Die Zahl der Kirchenaustritte ist erneut zurückgegangen. Gleichwohl ist die Zahl der Austritte immer noch zu hoch. Denn mehr als 160 000 Menschen verließen im vergangenen Jahr die katholische Kirche.

Über die Gründe sagen die Zahlen nichts aus. Oft heißt es, dass die Kirchensteuer gespart werden soll oder dass sich die Katholiken über etwas in der Kirche besonders geärgert haben. Früher war dies schon mal eine Aussage des Papstes. Heute sind es oft schon Nichtigkeiten – wie etwa ein nicht erfüllter Wunsch zur kirchlichen Trauung. Die Kirche wird als Dienstleister gesehen. Und wenn eine Leistung nicht so erfolgt, wie man sich das vorstellt, dann „kündigt“ man – so, wie etwa den Vertrag beim Telefonanbieter.

Nähere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Austrittsgründe nur ein letzter Anstoß sind, die Gemeinschaft der Gläubigen zu verlassen. In der Regel ist diesem letzten Schritt ein langer Weg der Entfremdung vorausgegangen. Zumeist hatten die Menschen schon lange nichts mehr mit ihrer Gemeinde vor Ort oder mit der katholischen Kirche an sich zu tun.

Einen solchen schleichenden Austritt zu verhindern ist fast unmöglich. Die Gemeinden können inhaltlich noch so wertvolle Angebote für die diversen Gruppen von Gläubigen machen. Aber in unserer individualisierten Gesellschaft können sie nie jedem Einzelnen gerecht werden.

Hinzu kommt, dass der Glaube in den Hintergrund gerät. Die Weitergabe des Glaubens in den Familien ist nicht mehr so stark wie vor Jahrzehnten. Dieses Defizit können wir als kirchliche Gemeinschaft nur auffangen, wenn sich alle Gläubigen als Teil einer missionarischen Kirche sehen. Denn auch Deutschland ist Missionsland.

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