Leben statt wohnen

Gedanken zu Joh 1,35-42

„Wohnen Sie noch oder leben Sie schon?“: Dieser Werbespruch eines Möbelgeschäftes hat bei mir eingeschlagen. Die Botschaft ist eindeutig: Wer sein Heim mit Möbeln von uns einrichtet, hat nicht nur einen Stuhl, einen Tisch, einen Schrank gekauft, sondern er hat zu mehr Lebensqualität gefunden.

Durch die Begegnung mit Jesus wird aus bloßem Wohnen Leben.Foto: klublu/photocase

 

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on Heinz-Josef Löckmann

Ich bezweifele zwar, ob die Realität halten kann, was geschickte Werbemanager hier versprechen. Aber es stimmt: die Art und Weise, wie ich mich einrichte, trägt zu meinem Lebensglück bei. Wenn ich mich in meiner Wohnung wohlfühle, bin ich eher mit mir selbst und meinem Leben zufrieden, als wenn es anders wäre.

Die Wohnung eines Menschen sagt deshalb etwas darüber aus, ob einer nur irgendwie „wohnt“ oder ob er wirklich „lebt“. Und wer zu einem Menschen Kontakt aufnimmt, wer ihn besser kennenlernen möchte, der tut gut daran, ihn nicht nur im Café oder anderswo zu treffen, sondern ihn zu besuchen, zu schauen, wie und wo er wohnt.

„Was wollt ihr?“, fragt Jesus im Johannesevangelium die zwei Jünger, die ihm auf den Fersen folgen. Und sie antworten darauf: „Meister, wo wohnst du?“ Eine Frage, die nach dem Gesagten nur allzu verständlich ist. Die beiden suchten offensichtlich nach einem Lebensmodell, nach einem Lebenskonzept für sich. „Meister, wo wohnst du?“ Diese Frage war deshalb mehr als eine Frage nach einer bestimmten Adresse oder der Art der Einrichtung. Es war die Frage: „Welches Lebenskonzept hast du? Was ist dein Lebensmodell? Worin findest du deinen Halt? Was trägt und was begeistert dich? Was gibt dir Kraft? Was ist die Quelle, aus der du lebst?“

Jesus hält auf diese Frage hin keinen Vortrag. Er lädt die Jünger einfach ein: „Kommt und seht!“ Wirklich tragende Lebensmodelle lassen sich nicht intellektuell vermitteln, sie wollen erfahren werden. Ich muss schmecken können, was mir Kraft und Halt gibt. Das Evangelium berichtet uns leider nicht, was die beiden Jünger an jenem denkwürdigen Tag erlebt haben. Es heißt nur: „Und blieben jenen Tag bei ihm.“ Es muss sich also für sie gelohnt haben, die Zeit ist ihnen nicht lang geworden. Und sie haben anderes hint­angestellt, weil es auf einmal nicht mehr wichtig war. In der Folge blieben sie nicht nur an jenem Tag bei ihm, sondern sie blieben ihm ihr ganzes Leben treu – bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens. Der Eindruck, den sie von Jesus bekommen haben, muss stark, muss überwältigend gewesen sein. Nicht ohne Grund beginnen sie sofort nach jener denkwürdigen Begegnung, neue Jünger für ihn anzuwerben. So begeistert waren sie. Der Besuch bei Jesus hatte sie überzeugt!

„Meister, wo wohnst du?“ Kann das nun auch meine Frage an Jesus sein? Und werde ich eine ähnliche Antwort wie die Jünger hören: „Komm und sieh?“ Ich vertraue darauf, dass es so sein wird. Denn ich glaube, dass Jesus keinen im Stich lässt, der ernsthaft und konsequent nach ihm sucht. Und so bedeutet die Frage: „Wohnen Sie noch oder leben Sie schon?“ für mich nicht, ob jemand seine Möbel in einem bestimmten Geschäft kauft oder nicht. Für mich bedeutet diese Frage: Geben Sie sich mit dem schalen Wasser der Alltäglichkeit zufrieden oder suchen Sie mehr? Sind Sie bereit, dem zu begegnen, der göttliche Lebensqualität schenken kann, nämlich Jesus Christus? Durch die Begegnung mit ihm wird aus bloßem Wohnen Leben. Es lohnt sich, seine Zeit mit Jesus zu verbringen.

Zum Autor:Pfarrer Heinz-Josef Löckmann ist Pastor im Pastoralverbund Unna.

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