„Lichtgeber“ sind nötig

Heinrich Wullhorst sieht für die katholischen Organisationen eine Zukunft

Heinrich Wullhorst hat im Bonifatius-Verlag das Buch „Leuchtturm oder Kerzenstummel? – Die katholischen Verbände in Deutschland“ veröffentlicht. Der gelernte Jurist und PR-Journalist war fast zehn Jahre für die Öffentlichkeitsarbeit und die Onlinemedien des Kolpingwerkes Deutschland verantwortlich. Im Interview mit Matthias Nückel nimmt Wullhorst zur Situation der katholischen Verbände Stellung.

Herr Wullhorst, bei Versammlungen katholischer Verbände herrschen – abgesehen von den Jugendorganisationen – die eher älteren Semester vor. Neigt sich das katholische Verbandswesen dem Ende zu?

Na ja, einige Propheten versuchen sich ja im Abgesang auf die Verbände. So wie der Essener Bischof Overbeck, der ihnen im vergangenen Jahr bescheinigte, als Gesellungsform nicht mehr attraktiv und nicht mehr aus dieser Zeit zu sein. Die Verbände werden von einem allgemeinen, gesellschaftlichen Problem erfasst, das die Politik ebenso kennt wie Schützenvereine oder weltliche Chöre. Dennoch gelingt es den Verbänden aber durchaus, vor allem vor Ort, wichtige Impulse zu setzen. In vielen Pfarreien ist doch auch heute ein Leben ohne Verbände gar nicht vorstellbar. Das sind doch diejenigen, die im Wesentlichen die ehrenamtliche Arbeit dort tragen. Und wenn man sich dann anschaut, dass in den im BDKJ organisierten katholischen Jugendverbänden 660 000 junge Menschen engagiert sind, dann ist das eine Zahl, die keine politische Partei in Deutschland erreicht. Das zeigt, dass der Verbandszug bei jungen Menschen durchaus noch nicht abgefahren ist.

Früher hatten die katholischen Verbände großen politischen Einfluss. Was KAB oder Kolping sagten, hatte in Bonn Gewicht. Woran liegt es, dass dies nicht mehr in dem Maß der Fall ist?

Bonn ist nicht Berlin und natürlich hat sich der Einfluss der katholischen Verbände in einer säkularer werdenden Gesellschaft verändert. Und dazu kommt, so hat es der Bundestagsabgeordnete Karl Schiewerling treffend zum Ausdruck gebracht, dass die Verbände „kaum noch Personal im Deutschen Bundestag haben, das die Füße dort unter den Tisch stellt, wo Entscheidungen fallen“. Dabei wäre es nach wie vor wichtig, dass die Stimme der katholischen Verbände auch als Hüter der katholischen Soziallehre gegenüber der Politik lautstark wahrnehmbar wird. Aber auch da gibt es ja Erfreuliches zu vermelden: Der neue NRW-­Ministerpräsident Armin Laschet ist CVer und das KAB-­Urgestein Karl-Josef Laumann ist dort Arbeitsminister. Also auch hier ist die Messe für die Verbände noch nicht gelesen.

Was können die Verbände tun, um wieder neue Mitglieder und auch gesellschaftliche Relevanz zu gewinnen?

Die große Stärke der Verbände ist es auf der einen Seite, Heimat zu bieten. Das wird in einer Zeit zunehmender Vereinsamung und kirchlicher Strukturen, die immer mehr an Nähe zu den Menschen verlieren, zunehmend Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus müssen sich die Verbände vor Ort, aber auch auf der Diözesan- und Bundesebene stärker einmischen und auch einmal unbequeme Positionen vertreten. Und sie dürfen sich nicht länger in ihren Pfarrheimen verstecken und darüber jammern, dass niemand zu ihnen kommt. Kardinal Lehmann hat die Verbände einmal als Scharniere beschrieben, die dabei helfen, kirchliches Leben in Bereiche zu tragen, wo Religion und Glaube weniger gefragt sind. Daran müssen sie sich orientieren, oder, um mit Papst Franziskus zu sprechen, sie müssen „an die Ränder gehen“. Bei der Mitgliederentwicklung sollte man vor Ort vor allem nicht ständig darauf schielen, wie man neue Mitglieder gewinnen kann, und alle Kraft dort hinein investieren. Ein Verband, der lokal inhaltlich stark und wahrnehmbar arbeitet und etwas für die Menschen in seinem sozialen Umfeld tut, der wird auf Dauer viele inte­ressierte Mitstreiter und vielleicht sogar Mitglieder finden.

Die KAB engagiert sich stark für den freien Sonntag. Wie wichtig sind solche Kernthemen, um Profil zu gewinnen?

Die Verbände brauchen genau so starke Themen, um politisch wie gesellschaftlich wahrgenommen zu werden. Das gilt für den freien Sonntag, aber auch für zentrale Themen des Lebensschutzes vom Beginn bis zum Ende. Hier stellt man an der Basis oft eine gewisse Hilflosigkeit und Mutlosigkeit fest, weil man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Aber auch hier hilft ein Blick in die katholische Soziallehre. Die Debatte um die zunehmende Digitalisierung und den Arbeitsmarkt 4.0 hat beispielsweise viel mit der personalen Würde des Menschen zu tun. Solche Diskurse mit der Politik wieder engagierter zu führen und die Positionen der Soziallehre in die Gesellschaft zu tragen, ist eine Zukunftsaufgabe der Verbände.

Sehen Sie die Zukunft der katholischen Verbände eher schwarz – oder gibt es einen Hoffnungsschimmer?

Ich sehe durchaus nicht schwarz für die Verbände, wenn sie die Zeichen der Zeit für sich erkennen. Wir brauchen sie nämlich weiterhin als „Lichtgeber“ in einer Zeit, die durch den zunehmenden Relativismus und die Angst vor dem Morgen von vielen Menschen als dunkel und wenig hoffnungsvoll empfunden wird. Wir brauchen sie mit ihrem Bezug zur katholischen Soziallehre, mit ihrer Verankerung in der Welt, mit ihrer Nähe zu den Menschen und dem ehrenamtlichen, hohen Engagement ihrer Mitglieder.

Hier geht es zur Seite des Buches beim Bonifatius-Verlag.

Autor Heinrich Wullhorst. Foto: Bibel-TV

 

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