Milch und Leben

Wie Kunst vom Banalem zum Grundsätzlichem führen kann

3 000 Milchtüten in der barocken Kirche. Eine In­stallation von Thomas Rentmeister. Foto: Fakultät

 

Wie viele Tüten Milch hat man eigentlich im Leben schon gekauft? Ein paar Tausend werden es sicher gewesen sein, ziemlich viele also. Auf diese Frage wäre man nicht gekommen, wenn in der Paderborner Jesuitenkirche nicht mal wieder eine Kunst­ausstellung zu sehen gewesen wäre, die – auch mal wieder – für gewisse Irritationen gesorgt hätte.

von Claudia Auffenberg

3 000 Milchtüten hatte der Berliner Bildhauer Thomas Rentmeister in einem Seitenschiff aufgestellt. Fein säuberlich, dicht an dicht zu einer großen Fläche, standen sie dort. Die Installation war Teil der Ausstellung „kontaminiert“, die Prof. Josef Meyer zu Schlochtern, Fundamentaltheologe an der Theologischen Fakultät, organisiert hatte. Unter anderem gab es noch ein ziemlich großes Regal zu sehen mit zwar gereinigter, aber doch hingeknödelter Wäsche darauf. Die Ausstellung ist inzwischen zu Ende, die Milchtüten sind an die Paderborner Tafel gegangen, Gelegenheit also, Meyer zu Schlochtern ganz allgemein zu fragen: Was soll moderne Kunst in der Kirche, die auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Glauben zu tun hat?

„Zunächst: Es ist gute katholische Tradition, dass die Kunst ein Daseinsrecht in der Kirche hat“, sagt Meyer zu Schlochtern. Dies sollte auch heute noch so sein. Ganz offiziell ist es auch so: Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums nennt die Kirche eine „Freundin der schönen Künste“.

Doch im Laufe der Geschichte hat sich das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst verändert. Früher, und das heißt bis etwa 1800, haben Kunstwerke Inhalte des Glaubens ins Bild gebracht. Biblische Geschichten oder Heiligenlegenden wurden dargestellt; zu Zeiten, als nur die wenigsten lesen konnten, war dies wichtig. Um 1800, also mit der Aufklärung, kam es zur Trennung. Die Kunst wurde eigenständig, die Kirche wandte sich nach rückwärts. Inzwischen knüpfen beide Seiten wieder Kontakte zueinander, allerdings unter anderen Vorzeichen. Jemand wie Thomas Rentmeister hat nicht den Anspruch, den Glauben zu zeigen. Aber er hat den Anspruch, Fragen zu stellen, Menschen über das Alltägliche hinaus zu den großen Fragen zu führen. Meyer zu Schlochtern formuliert es so: „Es ist im Interesse der Kirche, die Bereiche, die mit Kirche nichts zu tun haben, ins Gespräch zu nehmen – am besten in der Kirche.“ Kunst kann anregen, sagt er, zu Meditation und Vertiefung einladen.

Wie viele Tüten Milch hat man wohl im Leben schon gekauft? Und wozu? Was kostet so ein Liter? Woher kommt die Milch? Wie war ihr Weg von der Kuh bis zu meinem Kühlschrank? Wie lange hält sie? Ach, übrigens: Wie lange halte ich? Wie war mein Weg bis hierher? Woher komme ich? Wen habe ich was gekostet? Wozu bin ich auf Erden …?

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