Mitgeschöpfe

Nachlese Katholikentag: Im Zoo mit Rainer Hagencord

Dr. Rainer Hagencord ist katholischer Priester, dennoch halten ihn manche, auch in der Kirche, wohl für einen – sagen wir: Sonderling. Er leitet in Münster das Institut für theologische Zoologie, womit man auch erst einmal wenig anfangen kann: Was soll das sein, theologische Zoologie?

Zooführung mit Rainer Hagencord. Hinten links eine Malaienbärin, auch ihre Art ist extrem bedroht. Foto: Auffenberg

 

Von Claudia Auffenberg

Das Thema des Instituts steht schon auf der ersten Seite der Bibel: Die Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Oder um es mit dem hl. Bonaventura zu sagen: Alle Geschöpfe haben ihren letzten Ursprung in Gott. Oder um es mit Papst Franziskus zu sagen: Die Tiere sind kein herrenloses Gut, sie gehören Gott, dem Schöpfer. So steht es in der Enzyklika „Laudato si‘“.

Hagencord ist neulich auf dieser Seite einmal zu Wort gekommen, als es um Chico ging, den Hund, der in Hannover zwei Menschen totgebissen hat. Jetzt beim Katholikentag in Münster gab es Gelegenheit, den Mann live zu erleben. Eine Zooführung mit ihm stand im Programm, der Titel lautete „Tiere der Bibel“. Aber es ging gar nicht um Schlangen oder Klippdachse. Es ging um das, was die Bibel zu Tieren sagt. Die Geschichte von der Arche Noah zum Beispiel kennen wir alle schon aus Kindergartenzeiten, aber ein spielentscheidendes Detail war doch neu. „Mit wem schließt Gott am Ende den Bund?“, fragt Hagencord die Gruppe zu Beginn der Führung. Mit Noah natürlich! Richtig, und mit wem noch? Seinen Söhnen... Richtig, und mit wem noch? Mmh... Mit allen Geschöpfen! „Und Gott sprach zu Noach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe.“ Hagencord geht an den Anfang der Geschichte: Wen nimmt Noah mit in die Arche? Die Frage ist leichter zu beantworten: Von allem, was lebt, ein Paar; an anderer Stelle ist von sieben Paaren die Rede, aber darauf kommt es nicht an, wichtig ist: von allem, was lebt. Also nicht nur die niedlichen, nützlichen oder schmackhaften Tiere, sondern alle.

Alle, das sind mehr, als der Mensch kennt. Statistisch gesehen sterben jeden Tag 20 Tierarten aus, die keine Chance hatten, sich dem Menschen bekanntzumachen. Sie werden daher auch nicht vermisst. Nicht immer hat das Sterben einer Art so dramatische Folgen für den Menschen wie in Indien. Dort hat vor einigen Jahren ein katastrophales Geiersterben eingesetzt und es dauerte, bis die Ursache gefunden war: das Medikament Diclofenac, mit dem die heiligen Kühe behandelt wurden. Die Geier waren wichtig für die Entsorgung der toten Tiere. Ihr Fehlen führte zu einer mehrdimensionalen Tragödie: Rattenplage, Tollwutfälle bei Hunden mit vermehrten Hundebissen, das Gesundheitssystem des Landes ist überfordert, die ökonomischen Kosten sind kaum zu erfassen, es werden mehrere Milliarden US-Dollar sein. Man kann das alles zum Beispiel im Deutschen Tierärzteblatt nachlesen. Inzwischen hat die Regierung Maßnahmen ergriffen, aber es dauert wahnsinnig lang.

Was machen wir Menschen da eigentlich? Wie konnte es dazu kommen? Man wird mutlos, wenn man das alles hört, auch die missverständliche Verkündigung der Kirchen. Aber für Mutlosigkeit gibt für einen Christenmenschen keinen Grund. Papst Franziskus schließt seine Enzyklika so: „Gott, der uns zur großzügigen und völligen Hingabe zusammenruft, (...) verlässt uns nicht, denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden.“

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