Niemand ist perfekt!

Theologisches zur Woche für das Leben

Es ist eines dieser legendären Filmzitate, der Schlusssatz aus „Manche mögen’s heiß“: „Na und“, antwortet der längst verwelkte Millionär Osgood der Dame, die sein Herz entflammt hat. Sie ist aber gar keine Dame, sondern ein aus Angst vor der Mafia verkleideter Mann und hat sich ihm gegenüber nun enttarnt, in der Hoffnung, er lasse endlich von ihr bzw. ihm ab: „Na und? Niemand ist vollkommen!“

Schönes Flickwerk: Im japanischen Kintsugi-Verfahren wird Zerbrochenes mit einer Masse gekittet, die Gold enthält. So entsteht Einzigartiges. Foto: quarzsprung restaurierung, Berlin

 

von Claudia Auffenberg

Es ist eine große Wahrheit, gelassen ausgesprochen. Ja, niemand ist vollkommen, niemand wird jemals vollkommen sein. Gott sei Dank – oder möchte jemand mit einem vollkommenen, mit einem perfekten Menschen also zu tun haben? Nee, bitte nicht!

Und doch breitet sich in der Gesellschaft dieser Anspruch aus und drückt besonders die Kinder nieder, die möglichst im Kindergarten schon Chinesisch lernen sollen, damit sie dereinst nicht abgehängt werden. Noch wehrloser sind die ungeborenen Kinder diesem Anspruch auf Perfektion ausgeliefert. Denn, wenn man schon vor der Geburt weiß, dass ein Kind behindert auf die Welt kommen wird, wa­rum soll man – so das Denken – sich und der Gesellschaft das antun? Es ist ein äußerst schmaler Grat, auf dem sich die Pränataldiagnostik da bewegt. Sie ist Thema der diesjährigen „Woche für das Leben“ (siehe auch vorn auf den Seiten 8 bis 11). Und in dieses Denken hinein traut sich der katholische Theologe Andreas Lob-Hüdepohl etwas: Er singt ein Lob dem Imperfekten. Der Professor für theologische Ethik ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und seit 2016 auf Vorschlag der Bischofskonferenz im Deutschen Ethikrat.

Das Imperfekte zu loben ist natürlich eine heikle Angelegenheit. Es könnte schnell zu einem Appell ans Duckmäusertum geraten, im Sinne des gern missverstandenen Wortes aus dem Buch Hiob: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn.“ Darum geht es Lob-Hüdepohl in seinem Beitrag zur „Woche für das Leben“ nicht. Es geht eher „um eine besondere Zugewandtheit zum Leben“. Denn das Perfekte ist fertig, abgeschlossen, unveränderbar. Das Imperfekte dagegen ist unfertig, unausgereift, positiv formuliert: entwicklungsfähig. Darauf kommt es an, das ist letztlich das Wesen des Lebens: dass es reift und wächst, also nie fertig ist. An dieser Stelle sei eine logische Konsequenz formuliert: Auch ein nicht behindertes Kind ist imperfekt.

Wer das Leben so betrachten kann, der kann zu einer „Grundhaltung ernsthafter Gelassenheit“ kommen, sagt Lob-Hüdepohl. Ernsthaft deshalb, „weil wir empfindsam sind und bleiben müssen für die Not und den Schmerz, die etwa die Diagnose über eine schwere Erkrankung oder der die drohende Behinderung eines ungeborenen Kindes die Mutter und die weiteren Angehörigen erfassen“.

Die Gelassenheit gründet in der Hoffnung auf Gott. Solche Hoffnung sei allerdings keine Gewissheit, betont der Theologe, sie ist nicht einplanbar. Das Leben bleibt am Ende unberechenbar, überraschend. Was machen wir nun mit dieser Erkenntnis?

Versuchen wir ihr krampfhaft zu entkommen durch ein hysterisches und im Grunde vergebliches Planen und Absichern oder „gestatten wir dem Leben eine unverplante und damit überraschungsoffene, gottgeschenkte Zukunft“?

Weitere Berichte zur Woche für das Leben finden Sie hier und im DOM Nr. 15 vom 15. April auf den S. 8 bis 11.

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