Ora et labora

Gedanken zu Lk 10,38-42

Beten und arbeiten sind zwei sich ergänzende Weisen des Christseins.

Stundengebet der Benediktine­rinnen in Varensell. Foto: Abtei Varensell

 

von Michael Hardt

Zeitlosigkeit führt zur Erkenntnis: Ein Mönch ging im Klostergarten spazieren und hörte das Lied eines Vogels. Fasziniert lauschte er dem Gesang des Tieres, als hätte er nie zuvor einen Vogel singen gehört. Als das Lied zu Ende war, kehrte er in das Kloster zurück und entdeckte zu seiner Bestürzung, dass er für seine Mitbrüder ein Fremder war und sie für ihn. Nur langsam wurde ihm klar, dass er nach Jahrhunderten zurückgekehrt war. So versunken hatte er gelauscht, dass die Zeit stehen geblieben und er in die Ewigkeit hinübergeglitten war.

Eine ähnliche Erfahrung mache ich jedes Jahr in der Abtei Varensell (bei Rietberg) beim Treffen meines Weihekurses seit jetzt fast 40 Jahren. Außer zwei Gesprächsrunden mit einer Ordensschwester aus dem Bildungshaus und der Eucharistiefeier im Kreis der Kurskollegen steht nichts auf der Tagesordnung. Zum Chorgebet gehe ich in die Abteikirche und lausche dem Gesang der Schwestern; denn Mitsingen stellt einen gewaltigen Störfaktor für die Schwestern dar. Brummtöne im Engelchor – das muss ja nicht sein!

Dieses Mithören des Chorgebetes, die Ruhe dazwischen, werden zu Stunden, in denen die Frage nach Gott, die Frage nach dem, was wirklich wichtig ist, ganz anders aufsteigt als im Trubel des Alltagsbetriebes. Die Entscheidung des Lebensweges erhält neue Kraft und Bestätigung. Wenn ich dann nach Dahl zurückkomme, sind zwar keine Jahrhunderte vergangen, ich erkenne auch alle Dorfbewohner wieder. Und doch sind Lebenskraft und Orientierung wieder intensiver ausgerichtet. Eine solche Erfahrung wünsche ich Ihnen auch: Gehen Sie mal ein paar Tage ins Kloster!

„Nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ „Maria“ oder „Marta“: Wer ist die bessere Jüngerin? Werden da zwei ganz unterschiedliche Wege angedeutet, das Evangelium zu leben? Die Auslegung dieses Evangeliums hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Mit dem Beginn des Mönchtums im 4. Jahrhundert wird „Maria“ zum Urbild des klösterlichen, geistlichen Lebens. „Sich dem Herrn zu Füßen zu setzen“ galt auf einmal im Vergleich zur Ehe als besser und seliger. Die „Marta“, die sich um vieles sorgt – sorgen muss –, galt als Christ(in) zweiter Klasse. Erst das Zweite Vatikanische Konzil in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts hat dieser Perspektive ein Ende bereitet. Ehe und Ordensleben, Christsein im beruflichen Alltag sind unterschiedliche Wege der Christusnachfolge, ohne dass ein Weg als höherwertig betrachtet wird.

Die bitteren Folgen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatten ohnehin schon zu einem Wandel der Ordensideale geführt. Es entstanden verstärkt karitativ ausgerichtete Orden, die modernen Schul- oder Missionsorden wie die Salesianer Don Boscos oder die Spiritaner, vor allem die Orden, die sich in der Krankenpflege engagierten. Das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts werden zur Stunde der „Marta“. Heute in der Postmoderne hat der Staat Krankenpflege und Bildung verstärkt selbst in die Hand genommen. Doch in einer Gesellschaft, die keine Zeit mehr hat, die mehr und mehr zur „Stadt ohne Gott“ wird, melden sich die alten Ideale der Orden zurück. Wo bleibt der Raum für die Seele? Deswegen überleben die traditionellen alten Orden wie die Benediktiner mit ihrem Angebot.

„Maria“ oder „Marta“, das sind Scheinalternativen der Frömmigkeit. „Ora et labora“ = „Bete und arbeite“: Die Regel der Benediktiner will beides verbinden. Wer die Christus-­Botschaft hört, kommt an der Frage nicht vorbei, wem er sich zum Nächsten machen muss. Gut, dass das Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ dem Gleichnis über die Wege des Gott-­Suchens, der „Maria-Marta“-­Entscheidung vorausgeht!

Am Anfang der Kirche hieß Christus hören, den Weg des Lebens gefunden zu haben, den wahren Gott erkannt zu haben. „Sich dem Herrn zu Füßen setzen“ und sich an die „Ränder der Gesellschaft begeben“ oder die geistigen Löcher der Gesellschaft füllen, gehört zusammen.

„Ora et labora“ = „Bete und arbeite“! Tun wir es im Geiste Christi zum Wohl und Frieden unter den Menschen, aber in der Gnade Gottes. Denn auch uns hat sich der wahre Gott offenbart! Also gehen Sie mal ein paar Tage ins Kloster und lauschen Sie im Garten dem Gesang der Vögel! Dann wird der Kopf wieder klar.

Zum Autor:

Msgr. Dr. Michael Hardt ist Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut, Leiter der Fachstelle Ökumene im Erzbischöflichen Generalvikariat und Mitarbeiter im Pastoralverbund Paderborn-­Mitte-Süd.

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