Radikale Nachfolge Jesu

Die Gemeinschaft Shalom will jungen Menschen das Evangelium näherbringen

Arnsberg. Das Projekt ist in dieser Art einzigartig im Erzbistum Paderborn: Sechs junge Leute aus Brasilien leben in Arnsberg, „um hier Zeichen des Evangeliums zu sein“, wie Propst Hubertus Böttcher es formuliert. Sie gehören zur Katholischen Gemeinschaft Shalom, deren erste Niederlassung in Deutschland in Arnsberg gegründet wurde.

Noch wohnt die Gemeinschaft Shalom unter Leitung von Andreza Henriqueta Pinto dos Santos (vorne, links) im ehemaligen Schwesternhaus in der Brückenstraße. Unterstützt werden sie von Propst Hubertus Böttcher (vorne, rechts) sowie dem Förderverein, hier vertreten durch Hubertus von Stein (hinten, Mitte) und Christine Hönick (Mitte). Foto: Nückel

 

von Matthias Nückel

„Das Wichtigste ist die Liebe Gottes“, betont Andreza Henriqueta Pinto dos Santos. Die Leiterin der Niederlassung in Arnsberg beschreibt die Intention der Katholischen Gemeinschaft Shalom mit den Worten: „Wir möchten die positive Radikalität des Evangeliums leben.“

Dafür haben die Mitglieder der Gemeinschaft alles aufgegeben – ihren Beruf und ihre Heimat in Brasilien. Aber An-
dreza ist überzeugt: „Keiner lässt etwas hinter sich, wenn er nicht etwas Besseres gefunden hat.“ Das Bessere ist in diesem Fall, den Menschen – vor allem den jungen – in Arnsberg das Evangelium näherzubringen. „Sie wollen den Menschen helfen, den Glauben neu zu entdecken“, ergänzt Propst Böttcher. Denn alle Mitglieder der Gemeinschaft hätten die Erfahrung gemacht, dass Gott für sie ein großer Schatz sei. „Diesen Reichtum des Glaubens wollen sie weitergeben“, so Böttcher.

Während für die meisten Deutschen der Glaube Privatsache ist, gehen die Mitglieder der Gemeinschaft Shalom mit ihrem Glauben hinaus in die Welt. „Für sie ist es wichtig, Verkünder des Friedens zu sein“, sagt der Arnsberger
Propst, „und dabei schwimmen sie gegen den Strom.

Die Mitglieder der Gemeinschaft Shalom leben ähnlich wie eine Ordensgemeinschaft – allerdings mit dem Unterschied, dass Frauen und Männer gemeinsam in einer Niederlassung wohnen. „Aber wir sind keine Wohngemeinschaft, wir leben wie Bruder und Schwester zusammen“, betont Andreza.

Der Tagesablauf ist streng geregelt, wie die Leiterin der Niederlassung erläutert. Um 6.45 Uhr, nach dem Aufstehen, wird zunächst die Hausarbeit erledigt: also putzen, waschen und kochen. Um 7.30 Uhr gibt es Frühstück. Um 8.00 Uhr folgt das Laudes, das Morgenlob. Die nächsten zwei Stunden sind dem Gebet gewidmet. Es werden natürlich der Rosenkranz oder andere Gebete gesprochen, aber die meiste Zeit ist dem persönlichen Gebet vorbehalten. „Gott ist ein Freund für uns. Er ist immer bei uns. Wir sprechen mit ihm wie mit einem Freund. Deshalb brauchen wir auch diese Zeit“, erklärt An­dreza.

Nach dem Gebet folgt die sogenannte Ausbildung. Dabei beschäftigen sich die jungen Leute mit aktuellen Entwicklungen des Glaubens. Es werden verschiedene Texte studiert, zum Beispiel des Papstes oder des Gründers der Gemeinschaft. Dabei steht nicht nur das intellektuelle Verständnis im Blickpunkt, sondern auch die Suche mit dem Herzen. „Es geht darum, die Seele in Form zu bringen und den Glauben zu vertiefen“, so Böttcher.

Beim Mittagessen besteht dann die Gelegenheit zu Gesprächen. „Wir erzählen uns aus unserem Leben“, so An-
dreza.

Der Nachmittag und Abend sind der Arbeit gewidmet – wobei Arbeit die Evangelisierung ist. Es geht darum, Jesus zu bezeugen. „In Deutschland funktioniert es gut mit Musik, haben wir festgestellt“, erzählt Andreza Henriqueta Pinto dos Santos. „Wir machen zum Beispiel Konzerte, Wanderungen mit Jugendlichen oder besuchen Gruppen in Pfarreien.“ Zu den Gebetsstunden oder Gottesdiensten kommen auch immer Jugendliche oder Erwachsene.

Die Mitglieder der Gemeinschaft freuen sich, wenn sie bei solchen Gelegenheiten anderen Gott näherbringen können. Begeistert erzählt Andreza von einem Wochenende mit Wanderungen und Gebeten, das die Gemeinschaft für Jugendliche organisiert hatte: „Ein Junge, der zu Beginn gesagt hatte, dass er nicht glaube, bekannte am letzten Tag der Veranstaltung: ,Ich habe die Liebe Gottes gespürt‘.“

Diese Gruppe junger Brasilianer, die das Evangelium in radikaler Form lebt, ist für alle Beteiligten „eine große He­rausforderung“, wie Propst Hubertus Böttcher einräumt, „auch für die Gemeinde, weil sich viele unter der katholischen Kirche etwas anderes vorstellen.“

Aber die Gemeinschaft Shalom findet viel Unterstützung. Als sie vor zwei Jahren in das alte Schwesternhaus in die Königstraße einzog, war dort nichts. Innerhalb weniger Wochen jedoch spendeten Arnsberger Farbe zum Anstreichen der Wände und Möbel. „Sie leben von der Vorsehung, dass andere sie mit ihrem Beitrag unterstützen“, beschreibt Böttcher. Und das hat sich beim Einzug in Arnsberg schnell bewahrheitet.

Mittlerweile gibt es weitere Unterstützung. Ein Verein „Katholische Gemeinschaft Shalom in Deutschland e. V.“ wurde gegründet, um die Gemeinschaft zu fördern. „Wir sind total begeistert, dass diese Mannschaft hier ist“, freut sich Hubertus von Stein als Vertreter des Vereines. Er findet es besonders gut, dass die Gemeinschaft Shalom 14- bis 25-Jährige anspricht – ein Alter, in dem viele junge Menschen der Kirche verloren gehen. „Die Gemeinschaft hat Formen, mit denen sie gerade diese jungen Menschen anspricht“, ist von Stein überzeugt. Und er findet es gut, dass sich die Tradition der Kirche mit Neuem verbindet.

„Es gibt eine Not junger Menschen, die zwar viel haben, aber keinen Sinn im Leben“, sagt Böttcher. „Diese jungen Leute kommen und sagen, dass Gott einen Sinn gibt. Es lohnt sich zu leben und zu glauben.“ Und der Propst ist überzeugt: „Wir können durch diese jungen Leute den Glauben neu entdecken.“

In den vergangenen zwei Jahren hat die Gemeinschaft Shalom schon wichtige Impulse in die Stadt gespendet. Spektakulär war ein Gebetsmarathon für Arnsberg. Eine Woche lang hat die Gemeinschaft Shalom für die Stadt und ihre Menschen gebetet. Sieben Tage und sieben Nächte standen die Türen des Hauses für alle offen, die mitbeten wollten. Das hat bei vielen Menschen großen Eindruck hinterlassen.

Ab dem 11. September soll es ein weiteres „Geschenk für Arnsberg“ geben, wie Andreza es ausdrückt – eine missionarische Woche. Höhepunkt dieser Woche wird die Grundsteinlegung im alten Kloster Wedinghausen sein. Denn dort entsteht ein einzigartiges geistliches Zentrum für junge Menschen (siehe Bericht nächste Seite).

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