"Reliquien verbinden uns mit Heiligen"

Reliquienverehrung gibt es schon seit frühchristlicher Zeit

Großes Foto: In diesem Schrein reisen die Reliquien der hl. Bernadette durch das Erzbistum Paderborn. Foto: Malteser
Kleines Foto: Monsignore Gregor Tuszynski.Foto: pdp

 

Domvikar Monsignore Gregor Tuszynski leitet die Fachstelle Liturgie im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn. Zum erwarteten Aufenthalt der Reliquien der hl. Bernadette Soubirous sprach Dom-Chefredakteur Matthias Nückel mit ihm über Reliquien und Heiligenverehrung.

Frage: Monsignore Tuszynski, in Kürze kommen Reliquien der heiligen Bernadette Soubirous ins Erzbistum Paderborn. Was ist eigentlich eine Reliquie und um welche Art von Reliquien handelt es sich hier?

Antwort: Das Wort Reliquie kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Zurückgelassenes; Überbleibsel“. Das kann ein Körperteil sein oder etwas aus dem Besitz des Verstorbenen. Der bis heute unverweste Leichnam der hl. Bernadette liegt in der Klosterkirche St. Gildard in Nevers, wo die Heilige im Jahr 1879 gestorben ist. Die deutsche Pilgerseelsorge in Lourdes hat uns mitgeteilt, dass sich in dem Schrein, der nun nach Deutschland kommt und ansonsten in Lourdes steht, eine Rippe der hl. Bernadette befindet.

Frage: Reliquien von Heiligen gibt es ja auch in Altären in katholischen Kirchen oder an besonderen Orten in Kirchen. Auf welcher Tradition beruht die Verehrung von Reliquien?

Antwort: Schon in frühchristlicher Zeit entstand der Brauch, über den Gräbern von Märtyrern oder in deren unmittelbarer Nähe die hl. Messe zu feiern. Zum einen sollte so das ehrende Gedächtnis an diese Heiligen wachgehalten werden, zum anderen verdeutlichte die Praxis, dass das Lebensopfer der Märtyrer seinen Ursprung im Kreuzesopfer Jesu Christi hat, das in jeder Messfeier sakramental gegenwärtig wird. Daher werden auch heute noch Reliquien unter dem Altar, der ja der Tisch des Herrn ist, beigesetzt. Die enge Beziehung der Märtyrer zu Jesus Christus beschreibt auch der hl. Kirchenvater Ambrosius von Mailand in einem seiner Briefe: „Er, der für alle gelitten hat, liegt auf dem Altar; sie, die durch sein Leiden erkauft wurden, ruhen unter dem Altar.“ Damit greift er eine Vision des Johannes im letzten Buch des Neuen Testamentes, dem Buch der Offenbarung, auf: „Ich sah unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten“ (Offb 6,9).

Manchmal werden in Kirchen auch Reliquien zur Verehrung ausgestellt. Darin kommt zum Ausdruck, dass katholische Christen Reliquien als ein Zeichen anerkennen, das uns an einen konkreten Heiligen erinnert. So wie wir auch ein Foto oder einen Gegenstand von unseren lieben Verstorbenen aufstellen, um mit ihnen gedanklich in Verbindung zu bleiben. Reliquien verbinden uns also mit unseren Fürsprechern bei Gott, sie sind aber keine magischen Gegenstände, die aus sich selbst etwas bewirken!

Frage: Die Reliquien von Bernadette sind häufig auf Reisen. In Italien war kürzlich der präparierte Leichnam von Papst Johannes XXIII. auf „Pilgerfahrt“ in seinem Heimatbistum. Kritiker sprechen von „Störung der Totenruhe“. Wie begegnet die Kirche diesem Vorwurf?

Antwort: Gemäß Strafgesetzbuch begeht jemand eine „Störung der Totenruhe“, wenn er unbefugt den Körper oder Teile eines Körpers des verstorbenen Menschen wegnimmt oder daran „beschimpfenden Unfug verübt“ (vgl. § 168 StGB). Von beidem kann bei Reisen von Reliquien wohl kaum die Rede sein. Übrigens nimmt die Kirche das Recht der Angehörigen eines Heiligen an dessen Leichnam sehr ernst. Bevor irgendwelche Maßnahmen bei Reliquien oder sterblichen Überresten von Heiligen ergriffen werden, muss der „Erbe“ aus der Familie in Übereinstimmung mit dem jeweiligen staatlichen Recht seine Zustimmung geben.

Frage: Die Heiligenverehrung hat in der Kirche eine lange Tradition. Ist diese heute noch zeitgemäß?

Antwort: Um uns weiterzuentwickeln, lernen wir Menschen unser ganzes Leben lang von anderen Menschen: in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder Universität, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis usw.. Dabei geht es nicht nur um Lerninhalte, sondern auch Verhaltensweisen. Nur als Lernende können wir uns weiterentwickeln und die Ziele erreichen, die wir uns gesteckt haben. Das größte und auch letzte zu erreichende Ziel eines gläubigen Christen aber ist doch das Leben in Fülle, das uns nur Gott schenken kann. Von den Heiligen glauben wir, dass sie dieses Ziel erreicht haben. Insofern können wir von ihrem Leben lernen. Es kann uns Vorbild und Richtschnur sein auf unserem Weg zur Heiligkeit. Die Vielzahl der Heiligen mit ihren ganz unterschiedlichen Biografien verdeutlicht, dass es nicht nur einen Weg zur Heiligkeit gibt, sondern viele. Oder um es mit Kardinal Joseph Ratzinger zu sagen: Es gibt so viele Wege zur Heiligkeit, wie es Menschen gibt. Ein jeder Mensch muss seinen Weg finden und gehen. Die Heiligen aber können uns dabei eine Orientierung sein.

Weil sie bei Gott leben, glauben wir Katholiken von den Heiligen, dass sie bei ihm unsere Fürsprecher sind. So wie wir unseren Freunden sagen, sie mögen mit und für uns beten, wenn wir Sorgen haben, vertrauen wir darauf, dass auch die Heiligen mit und für uns beten und dass sie Gott um die Erhörung und Erfüllung unserer Anliegen bitten. Deshalb verehren wir sie als Vorbilder und Fürsprecher auf unserem Weg zur Heiligkeit.

 

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