So sollt Ihr beten

Reihe zum Vaterunser

Im vorletzten Teil unserer Reihe zum Vaterunser geht es nicht mehr um den Wortlaut des Gebetes, sondern um seine Funktion.

Klären wir kurz, warum Paternoster auch der Name für spezielle Aufzüge ist: Mit dem Vaterunser hat es eigentlich gar nichts zu tun, eher mit dem Rosenkranz, der aber in manchen Regionen Paternosterschnur hieß. Ähnlich wie die Perlen beim Rosenkranz sind die Kabinen des Aufzuges an einem Seil aufgefädelt. Foto: suze / photocase

 

von Claudia Auffenberg

Das Vaterunser findet sich an zwei Stellen im Neuen Testament: zum einen im Lukas­evangelium, zum anderen bei Matthäus. Beide Versionen unterscheiden sich im Text ein wenig, aber völlig in der Einleitung. Wie kommt es dazu, dass Jesus seinen Jüngern dieses Gebet gibt?

Bei Lukas folgt er einer Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten, so wie auch Johannes der Täufer seine Jünger beten gelehrt hat.“ Jesus kommt dieser Bitte nach: „Wenn ihr betet, so sprecht …“ Dem Gebet schließt sich eine kleine Unterweisung zum Thema Vertrauen an. Tenor: Wer um etwas bittet (nicht fordert!), darf darauf vertrauen, dass er es bekommt. Vorangestellt sind dem Gebet bei Lukas zwei bekannte Erzählungen: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das vom richtigen Tun erzählt, sowie der Besuch Jesu bei Maria und Martha. In dieser Geschichte missbilligt Jesus nicht die Arbeit der Hausfrau, sondern er ruft Martha aus der Küche, damit sie mit eigenen Ohren hört, was er sagt und sie nicht auf das angewiesen ist, was ihr die Männer hinterher davon erzählen. Es geht also um das rechte Hören auf Gottes Wort. Tun, Gottes Wort hören, Beten. Diese Anordnung des Lukas ist sicher kein Zufall, sondern betont, dass diese Drei zusammengehören.

Im Matthäusevangelium ist das Vaterunser Teil der Bergpredigt. Jesus kommt von selbst darauf, den Text zu sprechen. Er leitet ihn mit etwas klischeehaften Abgrenzungen zu den Heuchlern und den Heiden ein: Die einen beten am liebsten vor Publikum, damit ihre Frömmigkeit gesehen wird, die anderen beten nach dem Motto: Viel hilft viel, also: je länger, desto frommer. Das Vaterunser dagegen ist ein kurzer knapper Text, der nicht zu Dekorationszwecken dient, sondern in dem es um die Beziehung zum Vater geht – und zur Gemeinde. Denn ein vorformuliertes Gebet hat immer auch gemeinschaftsbildenden und identitätsstiftenden Charakter.

In der Liturgie wird das Vaterunser eingeleitet mit diesen oder ähnlichen Worten: „Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat.“ Gemeint ist natürlich der Text, wenn auch mit Einschränkungen, denn Jesus hat nicht deutsch gesprochen und es gibt keinen Originalton Jesu. Gemeint ist damit vor allem die Haltung: voll Vertrauen und ehrlichen Herzens.

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