Stellt den Menschen in die Mitte!

Gedanken zu Mk 2,23-3,6

Eine durchgezogene Linie darf nicht überfahren werden. Aber im Notfall kann es Leben retten, es doch zu tun. Foto: wronge57/photocase

 

Gesetze sollen dem Menschen, seinem Leben und Zusammenleben dienen.

von Monika Porrmann

Weshalb lesen wir diese „uralten“ Evangelien eigentlich immer wieder? Gerade heute, wo jeder von uns vermeintlich uneingeschränkte Verhaltensfreiheit hat, andererseits detaillierte Normstandards individuelle Verantwortung scheinbar überflüssig machen? Brauchen wir da noch Jesu Vorbild?

Und schon sind wir mitten im heutigen Evangelium: in der Spannung zwischen notwendigen, Sicherheit gebenden Vorschriften, Konventionen, Spielregeln aufseiten der Pharisäer und der Herausforderung durch die konkrete Leidsituation, die Not von Menschen, die Jesus begegnen, denen Gesetze aktuell nicht helfen.

Wie erleben wir Jesus in diesen beiden kurzen Episoden, in denen gesetzeskonforme Handlungsanweisungen von ihm infrage gestellt werden? Liest man das Markusevangelium von Anfang an, fällt schnell auf, dass Jesus immer wieder „sogleich“ auf Leidsituationen der Menschen reagiert. Er packt an, überlegt nicht lange. Er ist handlungsaktiv, diskussionsbereit und zupackend, heilt, tröstet, erzählt vom Reich Gottes, durchaus auch emotional und manchmal am Rande seiner Leistungsfähigkeit. Er geht zu den Menschen, lässt sich persönlich auf sie ein, hört ihnen zu. Durch sein Handeln fordert er sein Gegenüber – auch uns – heraus, bisheriges Verhalten und Entscheiden zu überdenken.

So auch hier: zwei „Geset­zes­übertretungen“ stehen im Vordergrund. Das uns, die wir kaum eigene Erfahrungen mit wirklichem Hunger haben, heute eher harmlos anmutende „Ährenrupfen“ seiner Jünger rechtfertigt er; mit der Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand provoziert er. Darauf folgt die schon erwartete Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Gesetzes­treuen um die Frage, was richtig und was falsch ist. Und da gibt es nun einmal keine für jede Situation passende Gesetzeslösung, sondern nur Grundorientierungen für das eigene Verhalten.

Und genau den entscheidungsnotwendigen Maßstab verdeutlicht Jesus: Stellt den Menschen in die Mitte! Das kann durchaus bedeuten, die Sicherheit von Normen zu verlassen. Geduldig legt er den Pharisäern die Gesetzesübertretung von David dar. Er lässt sich auf seine Gegner ein, schaut ihnen in die Augen und hält ihr Schweigen aus, das vielleicht ein Ausdruck ihrer Verunsicherung ist. Seine konsequente Botschaft: Nächstenliebe hat Priorität, überwindet innere Enge, gewohntes Verhalten und Entschuldigungen, nichts tun zu können.

Damit gibt Jesus auch für uns heute Antworten auf die Spannung zwischen Gesetz und Liebe, starrem Normverhalten und Werken der Barmherzigkeit, richtig und falsch: Die Verstocktheit und Sturheit der Pharisäer treibt ihn an den Rand seiner Geduld. Das hält ihn aber nicht davon ab, Notleidenden konsequent zu helfen.

Die Botschaft für uns, die wir Jesus zu folgen versuchen: den Maßstab der tätigen Nächstenliebe gegen starre, menschenschädigende Vorschriften und Gesetze beibehalten! Auch wenn wir immer wieder versagen, um wieder handlungsfähig zu werden. Im glaubenden Vertrauen darauf, dass die Botschaft von der Liebe der einzige Maßstab ist, der menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht, dürfen wir ihn jeden Tag, in jedem Gebet darum bitten, auch uns zu heilen – auch wenn „Sabbat“ ist! Denn es gilt: Stellt den Menschen in die Mitte!

Zur Autorin:

Monika Porrmann ist Diplom-­Theologin und stellvertretende Direktorin der Katholischen Landvolkshochschule „Anton Heinen“ in Hardehausen.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel