Unser tägliches Brot

Reihe zum Vaterunser

Im fünften Teil unserer Reihe zum Vaterunser geht es um die Brot-Bitte. Und wenn im Land der Brotweltmeister eine Vaterunser-Passage diskussionswürdig ist, dann wohl die. Täglich Brot zu haben, entspricht der Alltagserfahrung der allermeisten Menschen in diesem Lande, da könnte man diese Bitte doch wirklich weglassen, oder?

Viele Menschen gehen heute achtlos mit Brot um, werfen es einfach weg. Die Bitte um das tägliche Brot scheint angesichts der Fülle überflüssig. Sie ist es jedoch keineswegs. Foto:Rainer Sturm / pixelio

 

von Claudia Auffenberg

Die Sache ist erstaunlich kompliziert, denn wenn man sich durch diverse Bibelübersetzungen arbeitet, findet man gerade hier eine interessante Vielfalt: „unser tägliches Brot“, formulieren die einen, die anderen bitten um „das Brot, das wir nötig haben“, andere reden gar nicht vom Brot, sondern übersetzen „Gib uns, was wir heute zum Leben brauchen ...“ Und der katholische Theologe Prof. Hubert Frankemölle, auf den diese Reihe zurückgeht, übersetzt mit „Unser Brot, das wir brauchen“. Woher kommt diese Vielfalt? Der Übeltäter ist das griechische Wort „epiousios“, das einzige Adjektiv im Vaterunser. Man glaubt es kaum, aber niemand weiß, was dieses Wort bedeutet. Es taucht nur hier im Vaterunser auf, allerdings sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas. Somit wird es auch in der Logienquelle gestanden haben, einer heute verlorenen Zitatensammlung Jesu, auf die beide Evangelisten zurückgreifen. Nun könnte man vermuten, dass es sich um einen Schreibfehler handelt. Aber es gibt kein Wort, das es sein könnte. Es müsste ja inhaltlich und zu Jesus passen. So muss man sich die Bedeutung aus dem Zusammenhang herleiten: Was steht sonst noch bei Matthäus, wie hat Jesus, der Jude, über Gott und die Welt gedacht?

Beginnen wir bei Jesus. Als gläubiger Jude lebte er in und aus der Gewissheit, dass JHWE der Welt und Israel zugewandt ist, dass er um die Nöte der Menschen weiß und sie zu ihm darüber sprechen dürfen. Weiterhin kannte Jesus natürlich die Tora, also aus christlicher Sicht die fünf Bücher Mose; er kannte die Geschichte vom Manna, das einst in der Wüste vom Himmel regnete. Und er kannte die vielen anderen Stellen aus den Psalmen, etwa Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich“, bis heute ein verbreitetes Tischgebet. Und er kannte die Stellen, in denen Brot stellvertretend für Nahrung insgesamt gemeint ist. Gott sorgt für dich, so könnte man das Vertrauen Jesu zusammenfassen. Diese Haltung findet sich, wenn man im Matthäusevangelium etwas weiterliest. Dem Vaterunser schließt sich die Passage an, in der von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Feld die Rede ist. „Macht euch also keine Sorgen“, sagt Jesus, „und fragt nicht: Was sollen wir essen, was sollen wir trinken, was sollen wir anziehen?“ Und dann kommt der entscheidende Satz: „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit …“

Dieser Satz könnte für uns Heutige ein Schlüssel zur Brot-­Bitte sein: Wir wenden uns mit der Bitte an den Vater, weil er sie erfüllen wird. Der himmlische Vater kümmert sich, wir sind frei und aufgerufen, selbst solidarisch zu sein. Der Tisch des Brotes ist nicht nur ein Ort in der Liturgie, er gehört auch dahin, wo Menschen wirklich in Not sind. Oder anders gesagt: Liturgie und Diakonie bilden eine Einheit.

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