Vater im Himmel

Dom-Reihe zum Vaterunser

In der ersten Folge unserer Reihe zum Vaterunser geht es um die Anrede Gottes zu Beginn des Gebets.

Foto: altanaka / photocase

 

von Claudia Auffenberg

In den Beginn des Vaterun­sers, in die Anrede Gottes also, ist von christlicher Seite manches hineininterpretiert worden, was dort – so muss man es heute sagen – nicht hineingehört. Etwa, dass Vater im Aramäischen Abba heißt und dies ein frühkindlicher Lall-Laut sei, so wie Papa, und so die ganz besondere, exklusive Beziehung Jesu zum Vater belege, die ihn aus dem Judentum heraushebe, da kein anderes Gebet mit dieser Anrede überliefert sei.

Richtig ist, dass Abba ein aramäisches Wort ist, aber es ist gar kein aramäisches Gebet aus der Zeit überliefert, also auch keines mit dieser Anrede. „Wollte Jesus von Gott als Vater sprechen, konnte er ihn nur abba nennen“, so Professor Hubert Frankemölle in seinem Buch „Vater unser – ­Awinu. Das Gebet der Juden und Christen“.

Warum aber wollte Jesus Gott Vater nennen? Auch dies ist keine Jesus-exklusive Formulierung, für Juden war Gott immer auch der Vater, aber es war eine Anrede, die sie eher selten nutzen. Im Alten Testament taucht sie kaum 20-mal auf, im Neuen Testament dagegen über 200-mal. Dies hat wiederum mit dem Glauben der Autoren an Jesus zu tun. In der biblisch-jüdischen Gedankenwelt ist das Vater-­Sohn-Verhältnis eine Sache der Erwählung. Jemand erwählt einen anderen, dadurch macht er ihn zu seinem Sohn und wird so zu dessen Vater. Für den Evangelisten Matthäus ist Jesus von Nazareth der Erwählte, in ihm ist „die Wirklichkeit Gottes selbst erfahrbar geworden“. Diesen Glauben an Jesus bringt Matthäus dadurch zum Ausdruck, dass er ihn sehr oft mit der Formulierung „mein Vater im Himmel“ oder auch „euer Vater im Himmel“ zitiert. Eigentlich schreibt er sogar „in den Himmeln“, also in der Mehrzahl, was wohl eine Formulierung aus der damaligen Liturgie ist.

Wenn die Christen zum Vater im Himmel beten, dann sprechen sie auch aus, dass sie einander Geschwister sind, dass sie einander wie Geschwister behandeln sollen bzw. wollen, ohne dass die ethnische oder blutsmäßige Verwandtschaft eine Rolle spielt. „In diesem Sinne ist das Vaterunser oder sollte das Vaterunser ein Gebet sein, das Identität erinnert und stiftet“, so Frankemölle.

Allerdings: Die Formulierung Vater birgt für heutige Christen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein ganz anderes Problem: Ist Gott ein Mann? Die ersten Hörerinnen und Leser der biblischen Texte hätten womöglich diese Frage nicht verstanden. Sie lebten in einer selbstverständlich patriarchalischen Ordnung und ihr Reden war daher auch patriarchalisch geprägt. Diese Zeiten sind vorbei, was nicht zu bedauern ist. Die Frage ist aber: Wie gehen wir mit dem Vaterunser um? Es einfach in „Mutter unser“ umzubenennen, dreht das Problem nur herum, löst es aber nicht, denn Gott ist weder Mann noch Frau. Professor Frankemölle weist darauf hin, dass der Name Gottes letztlich unübersetzbar ist und „jede Metapher nur ein Weg zu seiner letztlich bildlosen, nicht einholbaren Wirklichkeit ist“. Man darf also beim Beten des Vaterunser durchaus an die liebende Mutter, vielleicht sogar an die Großmutter denken. All diese Bilder treffen das Geheimnis Gottes – und treffen es doch nicht.

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