Vom Sinn des Lebens

Worte der Bibel gehören durchaus auf die Goldwaage, um ihren Wert zu ermitteln.
Foto: Csaba Nagy/pixabay

 

von Egbert Ballhorn


„Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“, so heißt es über die Lehre Jesu (Mt 13,34). Gleichnisse sind etwas Spannendes: Einerseits versteht man sie sofort, weil sie Alltagserfahrungen schildern, die jeder kennt, oder weil sie in Kurzform Ungewöhnliches erzählen, das überrascht. Jedenfalls sind sie so etwas wie eine ganz kleine Geschichte. Andererseits kann man nicht aufhören, sich über Gleichnisse zu wundern, denn was sie bedeuten, darüber lohnt es sich lange nachzudenken. Jesus hat die Form der Gleichnisse geliebt, mit ihnen konnte er vom Reich Gottes erzählen, seine Zuhörerinnen und Zuhörer packen und sie zum Nachdenken anregen. Gleichnisse sind die Sprache Jesu. Die revidierte Fassung der Einheitsübersetzung hat an der Evangelienperikope des jetzigen Sonntags eine Nachlässigkeit korrigiert: Fast immer wird das griechische Wort „Parabel“ mit „Gleichnis“ übersetzt, nur in Lk 12,16 hieß es bisher „Vergleich“. Wenn man aber weiß, dass der Begriff der Gleichnisse so tragend ist, dann ist die Übersetzung mit „Vergleich“ einfach zu schwach, und dann wird die Rede Jesus von der Vorläufigkeit des Besitzes gewissermaßen sprachlich aus der Reihe der Gleichnisse herausgenommen. Jetzt ist endlich korrekt von einem „Gleichnis“ die Rede.

Zwei weitere interessante Berichtigungen finden sich. Als jemand auf Jesus zukommt und ihn bittet, in Erbschaftsangelegenheiten ein Machtwort zu sprechen, so hieß die unwillige Antwort Jesu bisher: „Wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?“ Nun lautet es: „Wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?“ (Lk 12,14). Das neue Wort „Erbteiler“ ist ungewohnter als der viel eingängigere Reim „Richter oder Schlichter“, aber es legt etwas bloß: Der „griechische“ Jesus verweigert nicht das Schlichten, wie die alte Fassung nahelegte, sondern das Aufteilen des Erbes; er sieht es nicht ein, weshalb er in den Besitz einer Familie eingreifen und bestimmen soll, wie die Anteile zu verteilen sind. Dann wäre er ein „Spalter“, kein „Schlichter“. Jesus geht es um das Reich Gottes, vor dessen Wirklichkeit verblassen alle Geld- und Machtspiele. Das kommende Gleichnis wird diese Prioritäten recht drastisch ins Bild setzen. „Auch wenn jemand Überfluss hat, besteht sein Leben nicht aus seiner Habe“, so heißt es wörtlich im Text.

Ein „Nachwort“ zu diesem Gleichnis kann sich Lukas nicht ganz verkneifen. Von der Urgemeinde heißt es nach Pfingsten: „Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte“ (Apg 2,45). Auch an diesem Vers hat die Revision Gutes getan: Es ist das gleiche Stichwort des Teilens, das hier auftaucht. Das Reich Gottes zeigt sich da, wo Menschen freiwillig ihren Besitz mit denen teilen, die ihn brauchen!

[Ein Gruß an alle Prediger und überhaupt alle Leserinnen und Leser: Legen Sie die Worte der Schrift auf die Goldwaage.]

Der Autor ist Professor für Exegese und Theologie des Alten Testamentes an der TU Dortmund und war einer der Revisoren der Einheitsübersetzung 2016.

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