Von Gott getragen

Gedanken zu Mt 10,26-33

Keine Angst vorm Menschen hat dieser Spatz, vielleicht hat er sogar eine gewisse Hoffnung ...Foto: fotoline/photocase

 

Wer sich in den Dienst der Verkündigung stellt, braucht die Gewissheit der Nähe Gottes.

von Achim Funder

Ich liebe Spatzen. Sie sind in der Regel nicht allein, sie sind munter, sie sind frech. Am Himmel sind sie nicht zu schlagen. Es ist, als würden sie getragen. Ich sehe ihnen gerne nach. Dabei sind Spatzen nicht einmal etwas Besonderes. Sie schreiten nicht wie die Pfauen, kreischen nicht wie die Papageien, gleiten nicht wie die Adler. Ihr Gefieder gibt auch nichts her. Keine Farbsträhne, keine Tupfen. Ich liebe Spatzen, weil sie so gewöhnlich sind. Weil es so viele von ihnen gibt, haben sie eigentlich keinen Wert. Nicht einmal für den Topf sind sie zu gebrauchen. Und singen können sie auch nicht.

Wenn da nicht noch etwas wäre, das unbedingt erzählt werden muss: „Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters“, sagt Jesus. Ein Satz. Mehr muss auch nicht sein. Aber der eine Satz reicht, um die Proportionen klar zu machen: Spatzen von Gott gehalten. Verständlicher von Vertrauen zu reden, ist fast nicht möglich.

Das Evangelium variiert ein Thema: die Furcht, die Menschen haben. Jesus spricht die Jünger an. Fürchtet euch nicht. Sagt er. – Was wusste er von den Menschen, die mit ihm gingen, ihn erlebten, ganz besonders mit ihm verbunden waren? Er sah ihren Eifer, ihre Leidenschaft, aber er nahm auch die Angst wahr, die sich in den Herzen versteckte.

Wir könnten jetzt auf die Ängste der Jünger schauen. Von der Furcht, sich Menschen mit einer nicht alltäglichen Botschaft auszusetzen. Wir sehen die Jünger sich verstecken, hinter verschlossenen Türen sich zurückziehen, wir sehen sie schweigsam und in sich gekehrt.

Auf eine Angst geht der Evangelist besonders ein: die Furcht vor Menschen. Vieles kann uns Angst machen. Aber dass es Menschen sind, die Angst machen, wiegt besonders schwer. Es reicht schon, das Gefühl zu haben, bei einem anderen Menschen nicht anzukommen, nicht ernst genommen, nicht geachtet zu werden. Für die Jünger ist das wohl die Herausforderung überhaupt: Wenn wir zu den Menschen gehen, ihnen Gottes Wort ausrichten, werden wir nicht verstanden.

Längst ist die Zeit vorbei, als christlicher Glaube mehr oder weniger selbstverständlich war. Die Großwetterlage hat sich verändert. Wir stehen wieder am Anfang. Werden wir Christen heute verstanden? Können wir uns mit unserem Glauben einbringen? Werden wir geachtet? Da kann es sein: Angst breitet sich aus. Sie ist an vielen Stellen wahrnehmbar. Es ist oft so, als trauten wir uns nicht, offen darüber zu reden. Angst, die nicht eingestanden wird, über die Menschen nicht reden können, macht schweigsam, verführt, sich zurückzuziehen. Bleiben wir im Bild: Den Spatzen geht die Puste aus. Und der Himmel ist ihnen zu groß, zu weit.

Jesus sagt: „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“ Eigentlich sind sie nicht zu zählen, so fein, so vielfältig sind sie die Haare. Wer die Geduld und die Leidenschaft hat, sie zu zählen, muss eine besondere Beziehung zu diesem Kopf haben. Genau das erzählt das Evangelium. Die Ängste, mit denen wir leben, verlieren in dieser Gewissheit ihre Kraft.

„Fürchtet euch nicht.“ So heißt es immer wieder in diesem Evangelium. Steigernd, zusammenfassend. Immer, wenn Gott zu Menschen kommt, sagt er als Erstes: Fürchte dich nicht! Die Begegnung mit ihm ist nicht alltäglich, nicht vertraut, nicht eingeübt. Er kommt einfach und hat etwas zu sagen. Er will in das Licht des Tages, will hell sein und hell machen. „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.“

Zum Autor:

Pfarrer Dr. Achim Funder ist Leiter der Pastoralverbünde ­Medebach und Hallenberg.

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