Werde, der Du bist!

Gedanken zu Mt 10,37-42

Berufen sein heißt, das zu werden, was dem Plan Gottes mit uns entspricht.

von Laetitia Eberle

Einer Berufung zu folgen, besteht weniger im Versuch, das zu werden, was man werden möchte oder was andere von einem erwarten, sondern der Mensch zu sein, der man ist und eine Lebensform zu wählen, die am besten der eigenen Natur entspricht. Jeder ist einmalig, auch seine Berufung. Gott führt uns Menschen auf Wege, die wir nicht planen können. Und doch ist die Berufung nicht etwas, das Gott dem Menschen aufsetzt. Lässt sich ein Mensch auf seine Berufung ein, kann er ganz an der Entfaltung seiner Möglichkeiten mitwirken, die Gott in ihm angelegt hat. Wer sich dabei vor allem anderen in seiner Herkunft festmacht, der kann nicht erfassen, was Jesus im heutigen Evangelium meint. Er will uns begreiflich machen, dass es nur einen einzigen und wirklichen Grund unseres Daseins gibt: die bedingungslose Sympathie Gottes für uns, der wir Menschen vertrauen können.

Um auf Gottes Wirken hin durchlässig zu werden, ist es notwendig, auf äußere Ablenkung zu verzichten, von der Oberfläche in tiefere Schichten vorzudringen, in den persönlichen Quellbereich, in dem sich die Sehnsucht nach Gott regt. Wer dieses Grundwasser einmal geschmeckt hat, der spürt bald, dass es das einzige ist, das wirklich und bleibend nährt. Wer bei sich selbst und damit in Gott zu Hause ist, der kann sich von Gott ansprechen und senden lassen.

Mit dem christlichen Glauben wird eine Lebensentscheidung getroffen, die Konsequenzen hat. Aus der Preisgabe meiner Ansprüche Leben gewinnen – das mag paradox klingen, aber es ist wahr. Dies meint: Abstand von der Vorstellung zu nehmen, dass ich alles selbst verfügen und absichern kann. Wer zu wissen meint, was Leben ist und wie er es sich einzurichten gedenkt, wird wohl damit rechnen müssen, dass er das Leben verpasst – oder mit Matthäus gesagt: das Leben verliert. Jesus fordert einen persönlichen Glauben um seinetwillen. Der Mensch, der so markant spricht, ist der Jesus, der am Ende des gleichen Evangeliums seinen Freunden als Auferstandener vorausgeht. Er hat das Leben neu geschaffen, nicht in einer zeitlichen Verlängerung, sondern qualitativ neu. In einem gelungenen Leben haben für den, der Gott vertraut, auch Ohnmacht und Tod einen Platz. Alles liegt in Gottes Hand und wird am Ende sinnvoll zu unserem Leben gehören.

Dieser Weg kann in uns Widerstand hervorrufen, nämlich dann, wenn es darum geht, lieb gewonnenes Routineverhalten jeglicher Art zu hinterfragen. Wir fühlen uns vielleicht in unserer Freiheit beschnitten, wenn es gilt, sich von Gewohntem, das nur Annehmlichkeit, aber doch keine Erfüllung gibt, zu verabschieden. Entscheidungen geben uns Richtungen vor, die wir brauchen, um Ziele zu erreichen, aber sie beschneiden uns niemals in unserer von Gott selbst gegebenen Freiheit. Wer in dieser inneren Haltung Christi Schüler wird, erfährt diese tiefe innere Freiheit gegenüber sich selbst und in allen kleinen und großen Entscheidungen des Alltags. Nicht aus Kalkül handelt er, sondern weil er einen Zugang hat zu dem, was jetzt aus Verantwortung zu tun und zu lassen ist, was es zu sagen oder worüber es zu schweigen gilt.

Aus Erfahrung weiß ich: Es ist nicht ungefährlich, sich auf Gott einzulassen. Da gilt es Kämpfe zu bestehen, aus denen man wie Jakob zwar gesegnet, aber zugleich auch hinkend taumelt. Aber ich weiß auch: Wenn ich die Oberfläche verlasse und meiner Quelle bis auf den Grund nachgehe, sprudelt daraus ein offenes, erfülltes und zugleich unerfülltes, weil auf den Kommenden hin ausgespanntes und stets spannendes Leben.

Zur Autorin:

Sr. Laetitia Eberle ist Augustiner Chorfrau und Prokuratorin des Michaelsklosters in Paderborn.

Wer wirklich gewinnen will, sollte nicht auf das Glück, sondern auf Gott vertrauen. Foto: pixabay

 

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