„Wir bitten die Opfer um Vergebung“

Generalvikar Alfons Hardt zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Paderborn

Seit dem Jahr 2010 erschüttert der Missbrauchsskandal die katholische Kirche in Deutschland. Immer wieder kommt es am Rande von Tagungen der Bischofskonferenz zu Protesten. Mittlerweile wurde viel unternommen, um aufzuklären und vorzubeugen.Foto: KNA
kl. Foto: Generalvikar Alfons Hardt: „Wir werden aus der Studie lernen.“ Foto: pdp

 

Paderborn. Während sich die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda mit der Studie zum sexuellen Missbrauch durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige befasste, stellte Generalvikar Alfons Hardt in Paderborn die Informationen vor, die seitens des Erzbistums in die Studie eingeflossen sind. Gemeinsam mit den Missbrauchsbeauftragten Dr. Franz Kalde und Dr. Petra Lillmeier sowie dem Präventionsbeauftragten Karl-Heinz Stahl informierte der Generalvikar über die Analyse der Personalakten, die Arbeit der Missbrauchsbeauftragten und die Präventionsarbeit in der Erzdiözese.

von Matthias Nückel

„Als Erzbistum Paderborn sind wir erschrocken und bestürzt über uns bekannt gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger“, sagt Generalvikar Alfons Hardt beim Pressegespräch. Mit deutlichen Worten fügt er hinzu: „Wir empfinden eine tiefe Trauer und Reue, dass im ,Raum der Kirche‘ und ,im Kontext der Kirche‘ durch ,Männer der Kirche‘ solche Verbrechen stattgefunden haben. Wir bitten die Betroffenen und Opfer der Verbrechen um Verzeihen und um Vergebung.“

Zugleich versichert der Generalvikar, dass das Thema mit der Studie nicht zu den Akten gelegt wird. Ein nachhaltiges, dauerhaftes und kontinuierliches Engagement in der Aufdeckung und in der Prävention sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs sei notwendig. Das Erzbistum werde den Betroffenen auch weiterhin zuhören. „Der Einsatz gegen sexuellen Missbrauch Minderjähriger ist für uns eine bleibende Aufgabe“, sagt Hardt und betont: „Eine Vertuschung von Straftaten und Verbrechen darf es aus einer falschen Loyalität gegenüber der Institution Kirche und ihres Ansehens nicht geben.“

Die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – kurz MHG-Studie genannt – definiert den Begriff des Missbrauchs sehr weit. Erfasst wurden alle Hinweise, Verdachtsmomente und Mutmaßungen, also nicht nur verifizierte oder verifizierbare Taten.

Die reinen Zahlen zu Tätern und Opfern im Erzbistum Paderborn entsprechen etwa dem Durchschnitt der Gesamtstudie. Die 111 Beschuldigten, die bei der Durchsicht von Akten zu 2 502 Klerikern aus den Jahren 1946 bis 2015 ermittelt wurden, entsprechen einem Anteil von 4,44 Prozent an der Gesamtzahl der Kleriker. Zahlreiche Betroffene erhielten bisher finanzielle Leistungen wegen des Leids, das sie erfahren haben (siehe Zahlen und Fakten). Unkompliziert und unbürokratisch sollen diese Zahlungen gewährt werden, wie der Generalvikar betont.

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals geht es jedoch nicht nur um die Entschädigung der Opfer. Die Bistumsleitung blickt auch nach vorn. „Wir werden aus der Studie lernen. Wir werden unsere Prävention und unser tägliches Handeln erneut auf den Prüfstand stellen“, verspricht Generalvikar Alfons Hardt. Durch die Hinweise der Studie würden auch Fragen deutlich, denen sich die Kirche stellen müsse, beispielsweise nach der priesterlichen Lebensform. „Wir sehen unsere Verantwortung und ich bin dankbar, dass die Wissenschaftler der Kirche Empfehlungen geben“, so Hardt.

Daten & Fakten

• Im Erzbistum Paderborn wurden die Akten von 2502 Klerikern durchgesehen, die zwischen dem 1. Januar 1946 und dem 31. Dezember 2015
in der Erzdiözese tätig waren.

• Zu 111 Personen wurden Hinweise im Sinn der Studie gefunden, also Priester, die des Missbrauchs, einer Grenzüberschreitung oder eines Übergriffs beschuldigt wurden.

• Von den 111 Beschuldigten sind 82 verstorben.

• 197 Personen – 125 männliche und 64 weibliche – wurden als Opfer festgestellt. Bei acht Hinweisen konnte das Geschlecht nicht zugeordnet werden.

• Beim Erzbistum Paderborn wurden bisher 125 Anträge auf Leistung in Anerkennung des Leids gestellt. 78 Anträgen wurde entsprochen. In einigen Fällen ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen, andere wurden zuständigkeitshalber abgegeben an andere Diözesen, Orden oder nicht kirchliche Träger.

• 456 500 Euro wurden bis heute an Opfer des sexuellen Missbrauchs gezahlt, davon 301 000 Euro in Fällen, in denen ein Kleriker der Beschuldigte war.

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