Wir sind alle gefragt

Interview mit dem Flüchtlingsbeauftragen des Erzbistums, Dr. Thomas Witt

Papst Franziskus reicht einem Flüchtling die Hand – ein Vorbild für Christen. Foto: KNA

 

WArum das Flüchtlingsthema ein zentrales Thema für die Kriche ist, erläutert Domkapitular Dr. Thomas Witt, Vorsitzender des Caritasverbandes für das Erzbistum Paderborn im Interview zum Welttag des Migranten und Flüchtlings (14. Januar 2018). Seit zwei Jahren ist er Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums Paderborn. Das ganze Interview können Sie in der gedruckten Ausgabe des Dom, Nr. 7, vom 14. Januar 2018 lesen.

Politisch scheint Deutschland gerade in der Flüchtlingsfrage hin zu mehr Restriktion gerückt zu sein. Macht Ihnen das Sorgen?

Ja, macht es. Die Flüchtlingspolitik wird immer mehr zu einer Flüchtlingsverhinderungspolitik. Politischer Erfolg wird zunehmend nicht daran gemessen, ob den Menschen geholfen werden konnte, ob sie gut integriert werden, sondern daran, wie viele abgeschoben werden. Das Schicksal des Einzelnen ist kaum noch im Fokus. Menschen werden zu Zahlen. Die Welle von Hilfsbereitschaft und Mitgefühl, die am Anfang da war, wird von bestimmten politischen Kreisen diskreditiert. Da würde ich mir wünschen, dass wir immer wieder das einzelne menschliche Schicksal in den Blick nehmen.

Viele Kirchenmitglieder sind hin- und hergerissen zwischen der Aufforderung Jesu, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, und der Sorge angesichts vieler muslimischer Flüchtlinge um eine weitreichende Veränderung der noch immer christlich geprägten Kultur Deutschlands. Wie antworten Sie auf solche Bedenken?

Rein von den Zahlen her gesehen sind wir weit davon entfernt, muslimisch dominiert zu sein. Nur rund sechs Prozent der Menschen in Deutsch­land sind muslimischen Glaubens. Das Problem ist allerdings je nach Region unterschiedlich ausgeprägt. Wo ganze Stadtteile von Migranten und damit vielfach muslimisch geprägt sind, stellt sich diese Frage sicherlich dringlicher. Gesamtgesellschaftlich ist das aber noch keine Frage. Mehr Sorgen als die steigende Zahl von Muslimen macht mir die schwindende Zahl von Christen, woran allerdings nicht die Muslime schuld sind. Die gefühlte Stärke des Islam liegt zum guten Teil an der Schwäche des Christentums. Da mag die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens, die ihren Glauben ernst nehmen, ein guter Anlass sein, auch über den eigenen Glauben nachzudenken und diesen neu zu entdecken. Diesen Ansporn bietet übrigens nicht nur die Begegnung mit Muslimen, sondern auch mit geflohenen Christen, die vielfach echte Zeugen für den Glauben sind.

Jedenfalls sind wir alle gefragt, die angesprochenen Sorgen ernst zu nehmen und im Gespräch miteinander für mehr Aufklärung zu sorgen. Hier sehe ich auch die Muslime und ihre Verbände in der Pflicht. Eine gute Gelegenheit dazu bietet die jährlich im September stattfindende Interkulturelle Woche. Hier können Räume des Dialoges und des Kennenlernens eröffnet werden, die das zukünftige Zusammenleben erleichtern werden.

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