Wir werden erwartet

Gedanken zu Joh 21,1-19

Warten auf den Morgen. Foto: Uli Stoll, Outdoor-Fotografie, info@parknplay.de / pixelio.de

 

Wann und wo immer wir nach Jesus suchen und fragen, wartet er bereits auf uns.

von Claudia Auffenberg

Meine Güte, was für ein langes und randvolles Evangelium! Anspielungen und starke Bilder „noch und nöcher“. Doch an einem Satz, der vielleicht eher nebensächlich ist oder jedenfalls so klingt, bleibe ich hängen: „Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.“ Ich sehe dieses Bild fast wie ein Foto vor meinem inneren Auge und ich hätte, wenn ich da talentiert wäre, große Lust, diese Szene in Öl zu malen: ein See, über dem zur blauen Stunde, wie Fotografen das nennen, ein neuer Morgen zu ahnen ist. Hinten links kommen die Jünger angefahren, sie sind noch ahnungslos, hantieren an ihren Netzen herum. Und am Ufer steht er: aufrecht, mit Blick auf das Wasser, nur als Silhouette zu erkennen. Die Leute auf dem See haben ihn vielleicht schon gesehen, aber er hat keine Bedeutung für sie. Noch nicht. Sie haben ein ganz anderes Problem: Die Netze sind leer, nichts gefangen. Keine Fische, nichts zu essen, nichts zu verkaufen, keine Einnahmen. Also: Dieser Tag fängt ziemlich schlecht an.

Man kennt solche Tage. Wenn morgens, wo es für uns Berufstätige so ungefähr auf jede Minute ankommt, irgendwas falsch läuft, kann einem das den ganzen Tag verhageln und es kann sehr mühsam sein, irgendwie wieder in die Spur zu kommen. Der Kaffeefilter ist eingeknickt, das Auto springt nicht an, der Computer im Büro ist mal wieder durch ein Update blockiert. Ab Mittag kann man all das ertragen, aber nicht morgens. So stell ich mir das stimmungsmäßig vor, damals an jenem neuen Tag am See. Doch dieser Morgen ist ein anderer. Denn er, Jesus, steht da. Woher kommt er eigentlich? Das wird nicht erzählt. Er steht einfach am Ufer. Die Niedergeschlagenen werden erwartet. Für sie beginnt ein neuer Morgen, ein neuer Tag, ein neues Leben. Noch wissen sie es nicht.

Das Evangelium ist Teil des sogenannten Epilogs des Johannesevangeliums. Ein Epilog ist ein Nachwort, eine zusammenfassende Interpretation. Der Autor legt noch einmal dar, worum es ihm ging. Dieses 21. Kapitel ist also nicht einfach eine Fortsetzung des 20. Kapitels, sondern steht in gewisser Weise für sich. Und noch etwas ist wichtig: Es ist auch keine Landlust-­Reportage über einen romantischen Sonnenaufgang am See. Der Evangelist ist kein Journalist, der seiner Chronistenpflicht nachkommt. Er hat ein Anliegen, eine Botschaft für seine Leserinnen und Leser. Um die geht es und die bündelt er im Epilog. Ich verstehe sie so: „Ihr werdet erwartet. Die Begegnung mit dem Auferstandenen macht euer Leben neu.“ Der weitere Verlauf des Evangeliums erzählt, wie die Last des alten Lebens genommen ist. Der Fischfang gelingt, die Fische, die sie bringen, liegen schon gebraten auf dem Grill.

Jetzt im Mai werden Vogelstimmenwanderungen angeboten. Sie starten in der Regel sehr früh, sozusagen vorm Aufstehen, denn manche Vögel fangen bereits vor Sonnenaufgang mit dem Singen an. Ich habe ein paar Mal so eine Wanderung auf verschiedenen Strecken mitgemacht. Eine ganz besondere Erfahrung ist jedes Mal die auf dem Friedhof, auf dem meine Großeltern begraben liegen. Dort kenne ich mich natürlich aus, ich erkenne inzwischen auch die Vögel an ihren Stimmen. Doch wenn ich mit dem Herzen hinhöre, dann kündet zu dieser Zeit an diesem Ort ihr Lied von einem neuen, größeren, „ewigeren“ Morgen. Es beginnt nicht nur ein neuer Tag, sondern eine Verheißung oder um es ein bisschen handhabbarer zur formulieren: eine neue Möglichkeit. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Auch wir werden erwartet.

Zur Autorin:

Claudia Auffenberg ist Programm­leiterin beim Bonifatius-­Verlag.

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