„Ziel seines christlichen Lebens“

Claus Bernet sammelt künstlerische Darstellungen vom himmlischen Jerusalem

„Im Vordergrund die zwei roten Figuren, das sind der Seher Johannes und der Engel. Sie stehen gemeinsam auf einem Berg.“ DDr. Claus Bernet beugt sich über ein Foto, das vor ihm, auf seinem Schreibtisch liegt. Darauf ist das Altarbild der Würzburger Augustinerkirche zu sehen. „Die beiden Betrachter schauen hinab auf das himmlische Jerusalem, eine Stadt aus leuchtendem Gold, genauso wie in der Offenbarung des Johannes beschrieben“, erklärt der Berliner Historiker das Bild des zeitgenössischen Künstlers Jacques Gassmann. „An den vier Bildrändern befinden sich jeweils drei farbige Halbkreise. Sie deuten die zwölf Stadttore an, beziehungsweise die zwölf Edelsteine, das Fundament der himmlischen Stadt."

Die Mitte der Darstellung des himmlischen Jerusalems im Dom zu Paderborn ist das Lamm. Dazu berichet die Bibel: „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“ (Offb. 21,9-14, 23). Foto: Throenle

 

von Alfred Herrmann

Seit Jahren forscht Bernet intensiv zum Motiv des Neuen Jerusalems in Kunst, Städtebau und Theologie. „Gassmanns Bild aus dem Jahr 2003 fügt sich in eine lange Tradition, sich künstlerisch mit dem himmlischen Jerusalem auseinanderzusetzen“, betont er. Bekannte Künstler wie Albrecht Dürer, Matthäus Merian und Sieger Köder reihen sich ein in die zahllosen Interpreten des apokalyptischen Motivs. Wie intensiv und vielseitig diese Auseinandersetzung seit Jahrhunderten erfolgt, zeigt Bernet mit seiner Heftreihe „Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem“. In mittlerweile 40 Broschüren präsentiert und erläutert er künstlerische Darstellungen aus verschiedensten Epochen, Weltregionen, christlichen Konfessionen und Kunstrichtungen.

„Fast in jeder Kirche findet man heute ein himmlisches Jerusalem, mal als Tabernakel, mal als Fenster, mal als Bild, als Mosaik, als Leuchter, als Buchdruck oder als Textil“, zeigt er sich fasziniert über die Vielfalt. Etwa 5 000 Darstellungen präsentiert Bernet in seiner Heftreihe bislang, allein 1 500 davon befinden sich in Deutschland. „Vom Hohen Dom zu Paderborn bis in die kleinste Dorfkirche finden sich anspruchsvolle Arbeiten“, so der Forscher.

„Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“ (Off 21,2). Der Seher Johannes beschreibt im letzten Buch der Bibel sehr detailgenau wie die Stadt, die am Ende der Zeiten vom Himmel herabkommt, aufgebaut ist. Eine quadratische Stadtmauer mit zwölf Toren, 144 Ellen hoch, 12 000 Stadien lang, das Fundament aus zwölf verschiedenen Edelsteinen, die Tore aus Perlen, die Straßen aus Gold. In der Mitte befindet sich der Thron Gottes und des Lammes, unter dem der Strom des Lebens hervorquillt, an dessen Ufern die Bäume des Lebens gedeihen. „Wenn das himmlische Jerusalem so genau beschrieben ist, müsste man meinen, dass die künstlerischen Darstellungen alle gleich aussehen“, erklärt Bernet seine Begeisterung und seinen Sammlertrieb, „genau das Gegenteil ist der Fall! Die Darstellungsweisen gehen ins Unendliche.“

Eine künstlerische Ausei­nandersetzung mit dem himmlischen Jerusalem gab es bereits im ersten Jahrtausend, hebt Bernet hervor. So throne zum Beispiel eine romanische Madonna nicht selten auf den Mauern der himmlischen Stadt, gut zu sehen im Erfurter Dom. Große schmiedeeiserne Radleuchter wie der Barbarossaleuchter im Aachener Dom oder der Hartwigleuchter auf der Comburg zeugten von der künstlerischen Auslegung dieser apokalyptischen Vision im zwölften Jahrhundert. In nachreformatorischen Bibeldrucken zeige sich eine Idealstadt, wie auf dem Reißbrett entworfen.

„Im 17. Jahrhundert finden wir das himmlische Jerusalem in den Darstellungen der Maria Immaculata conceptio“, so Bernet. „Maria mit dem Sternenkranz um ihr Haupt und dem Mond unter ihren Füßen ist umringt von zwölf Symbolen, darunter zwei, die auf das himmlische Jerusalem verweisen: die Civitas Dei und die Himmelspforte.“ Moderne Interpretationen finden sich in der Tabernakelgestaltung etwa in der Kirche der Barmherzigen Brüder im Münchner Stadtteil Nymphenburg, als Gemälde in St. Josef im schwä­bischen Bad Urach, als Sgraffito in der St.-Lukas-Kirche in Berlin-Kreuzberg oder als Glasfenster in St. Paul in Bocholt. „Die Kunst stand zu allen Zeiten vor der Herausforderung, den Spagat auszuhalten, zwischen dem unvorstellbaren Ganz-anderen und dem, dass es sich der Betrachter vorstellen können muss.“

Doch warum avancierte das Neue Jerusalem zu solch einem beliebten Kunstmotiv, das sich neben Kreuz und Muttergottes fast in jeder Kirche wiederfindet? „Eine Darstellung des Himmlischen Jerusalem erinnert den Betrachter daran, was Ziel und Endpunkt seines christlichen Lebens ist. Die Stadt, in dessen Zentrum der Thron Gottes steht, ist ein Sinnbild für die ewige Gemeinschaft mit Gott, eine positive Utopie, ein Sehnsuchtsort, ohne Mühsal und Leid“, betont Bernet. Häufig befinde sich daher eine Darstellung in der Apsis einer Kirche, direkt gegenüber der Eingangstür. „Der Gläubige soll den Ort, der ihm verheißen ist, sofort sehen können, wenn er die Kirche betritt, der zum einen in der Gemeinschaft der Gläubigen vorweggenommen wird, zum anderen aber seine Vollendung in dieser Stadt, im Himmlischen Jerusalem findet.“

Die Hefte der Reihe „Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem“ von DDr. Claus Bernet können unter anderem bestellt werden unter https://himmlischesjerusalem.wordpress.com

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