Glücksmomente im GlaubensGarten

Der Erfolg des Projektes zeigt: Religionen stoßen auf Interesse, wenn sie auf die Menschen zugehen

Modjgan Bidardel (2. v. r.) und Pfarrer Georg Kersting freuen sich. Der GlaubensGarten ist ein Erfolg. Neben ihnen zwei der 130 ehrenamtlichen Helfer: Eva Maronna (l.) und Erika Schäfers. Foto: Flüter

 

Bad Lippspringe. Der GlaubensGarten in Bad Lippspringe entwickelt sich zur Attraktion der Landesgartenschau. Das lässt sich zur Halbzeit des interreligiösen Projektes feststellen.

von Karl-Martin Flüter

Es ist zu kalt und regnerisch für Ende Juli – keine guten Zeiten für eine Open-Air-Veranstaltung, sollte man meinen. Mo­djgan Bidardel und Pfarrer Georg Kersting kann das schlechte Wetter nicht erschüttern, obwohl sie dem Organisationsteam des GlaubensGartens auf der Landesgartenschau (LGS) angehören – einem Langzeitprojekt, das ausschließlich im Freien stattfindet. Zu ihnen kommen die Besucher auch bei Regen und Niedrigtemperaturen. Beim Ortstermin im Pavillon des GlaubensGartens präsentiert Modjgan Bidardel, gegen die Kälte in eine wärmende Herbstjacke gehüllt, die Zahlen. 76 480 Besucher haben den GlaubensGarten seit Ende April besucht: „Damit haben wir niemals gerechnet.“

Dabei kommen weitere wichtige Wochen für den GlaubensGartens noch. Anfang August dreht das ZDF hier, zahlreiche Veranstaltungen stehen auf dem Terminkalender. Die wahren Besuchermassen könnten erst jetzt, nach der Schlechtwetterperiode kommen – schließlich dauern die Sommerferien bis Ende August. Vor allem aber zählt die Mundpropaganda. Wer den GlaubensGarten besichtigt hat, erzählt davon, und das offensichtlich so positiv, dass immer neue Besucher angelockt werden. Auch sie wollen den Pavillon und die sieben Gärten der Religionen sehen.

Die Attraktivität des GlaubensGartens haben die Verantwortlichen der Stadt Bad Lippspringe längst entdeckt. „Der Bürgermeister stellt den GlaubensGarten immer als einen der Höhepunkte der Landesgartenschau vor“, sagt Pfarrer Georg Kersting. Vertreter der städtischen Verwaltung haben in Gesprächen mit den Vertretern des GlaubensGartens zugesagt, die Anlage nach dem Ende der Landesgartenschau nicht rückzubauen, wie ursprünglich vorgesehen, sondern Pavillon und Gärten beizubehalten. Interessenten für eine weitere Nutzung des Pavillons gab es bereits. Georg Kersting erzählt, die Planer der Bundesgartenschau in Leipzig hätten vorsichtig angefragt, ob das Gebäude zu haben sei.

Der katholische Pfarrer aus Bad Lippspringe gehörte wie Modjgan Bidardel, Mitglied der Baháí-Gemeinde, und die evangelische Pfarrerin Antje Lütkemeier dem Ursprungsteam an, das Anfang des Jahrzehnts die Planungen für ein religiöses Projekt auf der Landesgartenschau aufnahm. Wie ein „Langstreckenlauf“ sei das gewesen, erinnert sich Georg Kersting. „Natürlich gab es diese Momente, in denen wir glaubten, das klappt nie.“ Doch das Team aus den unterschiedlichsten Religionen und Kulturen hat gemeinsam alle Ermüdungserscheinungen überwunden. „Als der Pavillon stand, sah er so aus wie auf den allerersten Computerentwürfen“, sagt Georg Kersting: „Das war ein Glücksmoment.“

Die Organisatoren lassen sich jetzt wie die Läufer in der letzten Phase eines Rennens von der Zustimmung der Zuschauer nach vorne tragen. „Das Interesse der Menschen an den verschiedenen Religionen ist groß“, stellt Modjgan Bidardel fest. Neben den öffentlichen Führungen wurden bereits 100 weitere Führungen gebucht. Bewährt hat sich die Zusammenarbeit mit dem „Grünen Klassenzimmer“. Auf diese Weise kommen Schüler – von der Grundschule bis zum Berufskolleg – in den GlaubensGarten.

Das Informationsheft, das „Der DOM“ zum Start der Landesgartenschau veröffentlichte, ist Besuchern eine gute Hilfe und wird immer noch häufig nachgefragt. Für besonders Wissbegierige haben die Veranstalter eine Informationsschrift, die eigentlich für die ehrenamtlichen Helfer gedacht war, zum öffentlichen Gebrauch nachdrucken lassen. Auch diese ist heiß begehrt.

Das Besondere am GlaubensGarten ist die Direktheit, mit der sich die Religionen präsentieren. Hier wird Religion mit allen Sinnen erlebbar. Selbst die heiligen Bücher, die in einer langen Reihe im Pavillon liegen, dürfen durchgeblättert werden. So viel Nähe vermag es, Vorurteile zu erschüttern.

Es gibt im GlaubensGarten auch die intellektuellen Aus­ein­andersetzungen. Zwei Gesprächsreihen setzen Akzente. Die eine widmet sich aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen, zuletzt dem Thema „Gerechtigkeit“. Die zweite Reihe, „Religion nachgefragt“, wird am 8. August mit einer Gesprächsrunde mit Dechant Benedikt Fischer fortgesetzt.

Auch die vielen zufälligen Gäste sind wichtig. Sie kommen auf ihrem Rundweg durch die LGS am GlaubensGarten vorbei und nutzen diesen ruhigen Ort, um zu entspannen und innezuhalten. Zur Ruhe gekommen, packt sie das Interesse. An „Urlaubsseelsorge“ fühlt sich Georg Kers­ting erinnert, wenn er an die Gespräche denkt, die er im GlaubensGarten geführt hat. Den großen Zuspruch empfindet er als Motivation: „Wir können hier etwas lernen, nämlich in der Öffentlichkeit präsent zu sein und auf die Leute zuzugehen.“

Der GlaubensGarten hätte scheitern können. Die Diskussion über den Islam hatte einen Höhepunkt erreicht, als das Projekt im Frühjahr eröffnet wurde. Wie würden die Besucher auf die religiöse Vielfalt reagieren? Nach mehr als der Hälfte der Zeit lässt sich sagen: Die Hoffnungen haben sich mehr als erfüllt. Ablehnung gibt es, bis auf einige Stimmen, kaum. Dagegen Zustimmung zur Grundidee: Religion kann Frieden schaffen. Eine Besucherin hat, offensichtlich überwältigt von der Präsenz dieser Friedfertigkeit, in das Gästebuch nur einen Satz geschrieben: „Das so etwas möglich ist, hätte ich nicht gedacht.“

Hinweis: Das erwähnte Infoheft steht auf der Startseite zum Download bereit.

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